Wie Tausende andere ist Rajaai Bourhan nach Idlib gebracht worden - dorthin, wo Assad alle Regimegegner und Oppositionellen hinschickt. Rajaai fühlt sich dort relativ sicher. Wir haben mit ihm per Skype gesprochen.

Die aktuelle Lage in Syrien ist klar: Die Rebellen sind militärisch schwach. Assad ist oben auf: Er hat alle großen Bevölkerungszentren wieder unter seiner Kontrolle, sagt Korrespondent Carsten Kühntopp. Aber Assad kontrolliert nicht das ganze Land.

Da wären Teile im Osten des Landes, wo der IS sitzt. "Der IS kontrolliert noch immer geschätzt 40 Prozent Syriens." Im Nordosten haben sich die Kurden ein großes Gebiet gesichert. Und die Provinz Idlib ist ebenfalls nicht in Assads Hand, dort sitzt die Opposition.

"Die Provinz Idlib, im Nordwesten des Landes gelegen, ist das größte zusammenhängende Gebiet, das derzeit in der Hand der Opposition ist."
Carsten Kühntopp, Korrespondent in Kairo

Belagerung und Umsiedlung

In Idlib wird nach wie vor gekämpft. Vor einigen Wochen gab es in der Provinz den mutmaßlichen Giftgasangriff. Und hunderttausende Menschen sind in die Region gekommen - teils freiwillig, weil sie nicht unter Assad leben möchten. Teils wurden sie zwangsumgesiedelt.

Carsten Kühntopp erklärt: "Man muss sich das so vorstellen: Ein Dorf, in dem Rebellen sitzen, wird belagert, bis die Leute am Ende sind." Dann gewährt man ihnen freies Geleit - nach Idlib. Nach Ansicht der Vereinten Nationen sei das eine Zwangsumsiedlung. Andere nennen es Evakuierung.

"Die Leute, die dort jetzt festsitzen - neben der eigentlichen Bevölkerung hunderttausende Flüchtlinge und Vertriebene - die sitzen zwischen allen Stühlen."
Carsten Kühntopp, Korrespondent in Kairo

Bad Bank Idlib

In Idlib geben die islamistischen Hardliner den Ton an, sagt Carsten Kühntopp. Die Menschen dort erleben immer wieder Luftangriffe der syrischen oder russischen Luftwaffe - so wolle Assad sie mürbe machen. Assads Strategie sei es, in Idlib die Oppositionsanhänger aller Richtungen zu versammeln - Idlib wird dann sozusagen eine Art Bad Bank aus Assads Sicht. Einmal habe er gesagt, entweder, die Leute dort ergeben sich - oder sie werden getötet.

Die Hoffnung auf ein besseres Leben

Der junge Syrer Rajaai Bourhan berichtet aus Madaja
© Rajaai Bourhan
Rajaai Bourhan sagt, dass er sich in der Stadt Idlib sicher fühlt - obwohl es in der Region immer wieder Kämpfe gibt.

Auch Rajaai Bourhan wurde nach Idlib gebracht. Letztes Jahr im September, da haben wir schon einmal mit Rajaai gesprochen. Er lebte damals in der belagerten Stadt Madaja und erzählte uns, dass die Leute dort kaum zu essen haben, kein fließendes Wasser, keinen Strom.

Trotz der Kämpfe in der Region sagt er: "Ich fühle mich sicher hier." Er hat nach der Evakuierung zunächst in einer ehemaligen Schule übernachtet, jetzt lebt er in einer Wohnung, deren Miete eine Hilfsorganisation bezahlt.

"Ja, hier gibt es genug Nahrungsmittel, wir haben hier alles, sogar Süßigkeiten und Schokolade."
Rajaai Bourhan - lebt jetzt in der Stadt Idlib

Über 30 Stunden im Bus

Die Evakuierung war schlimm und gefährlich, erzählt er uns. In Aleppo haben sie Explosionen unweit ihres Busstopps gehört. Endlich in Idlib angekommen, fühlt er sich einerseits wie im Paradies, denn es gibt genug zu essen. Andererseits weiß er natürlich, dass er in der Stadt gefangen ist.

"Ich habe mehr Angst davor, verhaftet als getötet zu werden. Weil ich ein Aktivist bin. Mit den Medien zu sprechen, wie ich es tue, wird als Verbrechen angesehen."
Rajaai Bourhan - lebt jetzt in der Stadt Idlib

Rajaai sagt: "Wahrscheinlich hast du ja davon gehört, was das syrische Regime hier tut. Sie haben viele Methoden, Menschen zu foltern." Aber: Assads Truppen sind erst mal weit weg, darum fühlt sich Rajaai sicher.

Seine Hoffnung ist es, dass er irgendwann wieder mit seiner Familie zusammenleben kann - in einem Syrien, in dem Frieden einkehrt. Und er denkt darüber nach, wieder zu studieren. Bald.