Eine gute Nachricht hat Menno Baumann: Gewalt – auch Gewalt, die von Jugendlichen ausgeübt wird – nimmt ab. Aber das ändert nichts daran, dass es gewalttätige Kinder und Jugendliche gibt. Darüber, wie mit Systemsprengern umgegangen werden kann, spricht Menno Baumann in seinem Vortrag.

Grenzgänger – die Jugendsozialarbeit kennt einige Begriffe für Jugendliche, die nicht dazugehören wollen oder können. Die das System Jugendhilfe sprengen und Pädagoginnen zur Verzweiflung treiben. Der Intensivpädagoge Menno Baumann kennt solche Fälle. Er berichtet von seinen Überlegungen und Erfahrungen zu Scheitern und Gelingen im Umgang mit Systemsprengern.

"Es gibt eine kleine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, an die wir nicht gut rankommen."
Menno Baumann, Intensivpädagoge

Menno Baumann fragt sich, woran das liegt. Was läuft falsch, im System? Den Begriff "Systemsprenger", sagt er, habe er jahrelang ungern benutzt. Aber inzwischen findet er es in Ordnung ihn zu benutzen, weil er ihm nur mit Schwierigkeiten über die Lippen kommt. Er versteht ihn nicht als einen Begriff, der die Kinder charakterisiert, sondern als eine Bezeichnung des Zusammenspiels dieser Kinder mit den Sozialsystemen.

"Grenzen sind dazu da, die Prozesse im Inneren zu schützen. Unter dieser Voraussetzung unterschreibe ich auch den Satz: 'Kinder brauchen Grenzen'."
Menno Baumann, Intensivpädagoge

Was sind die schützenden Grenzen innerhalb der Jugendhilfe? Baumann hat "Scheiterns- und Gelingensforschung" betrieben. Praktisch und theoretisch. Er hat fünf Möglichkeiten festgestellt, mit denen Kinder und Jugendliche Pädagoginnen mit Sicherheit zur Verzweiflung treiben.

"Big Five" der Systemsprenger

  • Gewalt (auch sexuelle Gewalt)
  • Drogen
  • häufige Entweichungen
  • Para-Suizidalität/ Selbstverletzungen
  • Zündeln/ Brandstiftung

Menno Baumann hat Faktoren ausgemacht, die das Gelingen pädagogischer Interventionen zwar nicht sicherstellen können, die aber auf jeden Fall zum Gelingen in pädagogischen Kontexten beitragen:

  • die Angebote müssen gleichermaßen konfliktsicher, deeskalierend und präsent sein
  • intensivpädagogische Angebote sind idealerweise reflektiert bezüglich Nähe, Distanz, Bindung und Abgrenzung
  • sie sind idealerweise dranbleibend ausgerichtet, haltend und nicht schnell abzuschütteln
  • sie vermitteln Kontinuität auch über Phasenverläufe hinweg
  • die Einrichtungen bieten den Mitarbeiterinnen Konzepte des emotionalen Schutzes

Aber selbst unter optimalen Bedingungen solle man nicht zu hochfahrende Erwartungen an intensivpädagogische Interventionen haben, warnt Menno Baumann. Das Ziel sollte anders definiert werden.

"Das Gegenteil von Scheitern in der Jugendhilfe ist nicht der Erfolg. Sondern das Gegenteil ist: Handlungsfähig bleiben."
Menno Baumann, Intensivpädagoge, zitiert Dietrich Sattler, Vorsteher der Stiftung "Das Rauhe Haus", Hamburg

Wichtig zum Verständnis dieser Pädagogik sind Baumann Erkenntnisse, die er dem US-amerikanischen Verhaltensforscher Michael Tomasello verdankt. Demnach gibt es vier Prinzipien des Lernens:

  • Lernen durch Handeln
  • Lernen durch Beobachten und Nachahmen
  • Lernen durch Anleitung und Instruktion
  • Lernen durch Zusammenarbeit und Gemeinschaft

Menno Baumann ist Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner-Fachhochschule Düsseldorf. Er hat als Gutachter gearbeitet und Kinder kennengelernt und betreut, die pädagogische Angebote kaum noch erreichen. Er hat die Regisseurin Nora Fingscheidt für ihren Spielfilm "Systemsprenger" beraten, der 2019 auf der Berlinale mit dem Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet wurde. Seinen Vortrag mit dem Titel "Grenzgänger: Die durch alle Raster fallen" hat er am 6. November 2019 auf der Fachmesse für soziale Arbeit, der Consozial in Nürnberg, gehalten.