Tagebuch zu schreiben kann uns helfen, negative Erlebnisse zu verarbeiten. Es kann uns aber auch dahin lenken, unsere Dankbarkeit für die schönen Dinge im Leben zu formulieren. Und nach ein paar Jahren ist es vielleicht auch ganz schön, im eigenen Leben zu blättern.

Vor zwölf Jahren waren Ivy und Gesa zusammen auf dem Melt-Festival. Die Editors standen auf der Bühne. Es war schon weit nach Mitternacht – das Konzert war großartig und Ivy rief zu ihrer Freundin rüber, dass dieser eine Typ, den sie gut findet, auch da ist.

Tagebuch-Schreiben: Reflexion und Momente festhalten

An diese Szene erinnerte sich Ivy schon lange nicht mehr. Aber die Bilder tauchten sofort wieder auf, als Gesa ihr aus ihrem Tagebuch vorliest. Darin hat sie alles aufgeschrieben. Schon damals.

"Melt Festival 2008. Wir kommen zur Hauptbühne. Ich sehe gar nicht hin, wir laufen einfach. Es ist alles in diesem Moment. Und unsere Gummistiefel lassen einen Schleier goldener Tropfen aufsprühen."
Gesa liest einen Eintrag aus dem Jahr 2008 aus ihrem Tagebuch vor

Gesa ist inzwischen promovierte Literaturwissenschaftlerin. Sie schreibt nach wie vor regelmäßig in ihr Tagebuch – etwa drei mal die Woche, sagt sie. Das helfe ihr, das Erlebte noch einmal im Kopf durchgehen, runter zu schreiben und einen Blick von außen darauf zu gewinnen. Und es sei auch einfach schön, das Gefühl zu haben, dass das Leben nicht so an ihr vorbeirauscht.

"Ich schreibe Tagebuch, um mir selber das Gefühl zu geben, dass die Zeit nicht einfach an mir vorbeirauscht. Und dem eine Gültigkeit oder Dauerhaftigkeit zu geben.“
Gesa übers Tagebuchschreiben

Auch Gesas Freund Luis schreibt. Aber anders als Gesa. Er ist in einer Band. Bei genauem Hinhören sind das auch Tagebucheinträge, findet Deutschlandfunk-Nova-Autorin Ivy Nortey. Richtig Tagebuch geschrieben hat Luis nur, wenn er traurig war, erzählt er.

Verschiedene Methoden, Tagebuch zu schreiben

Aber Luis hat es mal eine Zeit lang mit der Methode "Morgenseiten" probiert. Das ist eine Auseinandersetzung mit den eigenen Gedanken – für einen freien Kopf. Dabei schreibt man morgens nach dem Aufstehen auf Papier alles runter, was einem in den Sinn kommt. Dabei sei es ihm darum gegangen, zu verarbeiten, was gerade alles passiert ist, sagt er.

"Durch das Morgenseiten-Schreiben habe ich mitbekommen, dass man sich den gleichen Quatsch immer wieder durch den Kopf gehen lässt."
Luis über Morgenseiten

Nach kurzem Nachdenken gibt Luis zu, dass er neidisch auf Menschen wie seine Freundin Gesa ist, die regelmäßig Tagebuch schreiben. Es sei schön, etwas aus dem eigenen Leben festgehalten zu haben, sagt er.

Und tatsächlich hat das Blättern durch alte Tagebucheinträge etwas Nostalgisches. "Dort kommt man den Erinnerungen wieder nah", schlussfolgert unsere Autorin Ivy etwas gerührt.

Studien: Tagebuch-Schreiben hilft bei der Verarbeitung

Psychologische Studien haben ergeben, dass das Tagebuch-Schreiben Menschen hilft, negative Ereignisse zu verarbeiten. Gerade nach dem Corona-Jahr 2020 vielleicht eine gute Idee. Wichtig ist es aber auch, darauf zu achten, nicht nur die schlechten, sondern auch die schönen und guten Dinge festzuhalten: Für mehr Achtsamkeit, zur Reflexion, für mehr Dankbarkeit oder das Formulieren klarer Ziele, so Ivy Nortey.