Mehr als 33.000 Insektenarten umkrabbeln und umschwirren uns in Deutschland. Die Mehrheit davon ist noch nicht erforscht, sagt Thomas Hörren, Biologe an der Universität Duisburg Essen. Und das ist ein Problem, denn wir müssen sie schützen.

Wer in diesen Frühling schon gepicknickt oder gegrillt hat, wird ihn vielleicht schon bekommen haben: den ersten fiesen Mückenstich des Jahres. Welche der 9.000 in Deutschland heimischen Mückenarten das gewesen sein könnte, wird vermutlich nicht ganz so leicht herauszufinden sein. Dabei sind die Mücken im Vergleich zur Mehrheit Insektenarten in Deutschland sogar noch recht gut erforscht, sagt Thomas Hörren, Biologe an der Universität Duisburg Essen.

Nur für rund ein Fünftel der heimischen Insektenarten gibt es Gefährdungsbeurteilungen

Von den insgesamt 33.500 Insektenarten liegen nur für 7.400 Informationen zum Bestand vor, die in der sogenannten Roten Liste festgehalten, erklärt er. Darin wird die Gefährdung der Arten beurteilt, also wie es um den Bestand steht, ob sie gefährdet sind oder vom Aussterben bedroht ist. Die allermeisten Insektenarten tauchen dort nicht auf, sagt Thomas Hörren.

"Da braucht es viel Forschung, damit man da auch wirklich weiterkommt. Und vor allem muss da auch mal richtig Geld in die Hand genommen werden."
Thomas Hörren, Biologe

Um einen besseren Überblick über die unterschiedlicheren Insektenarten zu bekommen, bräuchte es laut Thomas Hörren viel mehr Geld und viel mehr Experten – an beidem mangele es.

Für Thomas Hörren steht fest: Insekten müssen geschützt und dafür besser erforscht werden. Das hat nicht zuletzt die Krefelder Studie vor vier Jahren deutlich gemacht. Die Untersuchung des Entomologischen Vereins Krefeld, in dem der Biologe auch Mitglied ist, hatte gesellschaftlich und politisch für viel Aufsehen gesorgt, weil sie erstmals schwarz auf weiß zeigte, wie dramatisch es tatsächlich um den Insektenbestand in Deutschland steht.

"Das ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs, wenn wir das mit den Insekten sehen."
Thomas Hörren, Biologe

Die Insekten sind recht eng mit unterschiedlichen Ökosystemen verbunden, erklärt der Biologe, alle Organismen stehen in irgendeiner Interaktion. Das Insektensterben ist also nicht nur in sich ein Problem, sondern auch Warnsignal für das Gesamtsystem.

Deshalb plädiert Thomas Hörren dafür, für Lebensräume zu sorgen und sie zu schützen. Zum Beispiel benötige es Forschung dazu, ob die vorhandenen Naturschutzgebiete überhaupt ausreichen oder welche Risikofaktoren es gibt. Zum Thema Pestiziden etwa - hier kritisiert der Biologe eine "komplette Intransparenz" in Bezug auf Daten.

"Die Forschung bekommt keine Daten dazu, wo Pestizide eingesetzt werden. Das heißt, man kann gar nicht sagen, haben die irgendeine Auswirkung in einem Schutzgebiet, das genau neben der Landnutzung liegt beispielsweise."
Thomas Hörren, Biologe

Grundsätzlich begrüßt er alle Maßnahmen, die gerade ergriffen werden, selbst die kleinen. Insektenhotels etwa mögen für sich einzeln betrachtet nicht die Lösung des Problems sein, schaffen aber eben auch ein Bewusstsein für die Vielfalt der Insektenarten bei uns, so der Biologe.

Insekten sind essentiell für das gesamte Ökosystem

Insektenschutz ist kein Selbstzweck. Thomas Hörren erklärt die Wichtigkeit von Insekten und Biodiversität so: Die Insekten sorgen durch ihre Vielfalt etwa dafür, dass Pflanzen wachsen aber auch reguliert werden und werden selbst von anderen Tieren gefressen, Vögel oder Igel zum Beispiel. "Das steht natürlich alles so ein bisschen auf der Kippe", warnt er.

"Überall dort, wo die Insekten fehlen, fehlen dann natürlich auch die anderen Bereiche."
Thomas Hörren, Biologe

Wenn die Biodiversität Schaden nimmt, wenn die Artenvielfalt schwindet, kommen viele Aufgaben auf den Menschen zu, die er letztlich nicht leisten kann.

Im Interview erzählt Thomas Hörren unter anderem noch, warum er Totholz-Thomas genannt wird, was er auf Instagram für die Biodiversität tut und welches gerade sein Lieblingsinsekt ist. Für das ganze Gespräch klickt oben auf Play.