Wenn Tierarten als "vom Aussterben bedroht" bezeichnet werden, geht das nur, weil man zuvor überhaupt erst definiert hat, was eine "Art" eigentlich ist. Forschende kritisieren aber die bisherigen Aufteilungen, weil sie keinen einheitlichen Kriterien folgen würden.

Wir haben das alle einmal im Biounterricht gelernt: Eine Art besteht aus den Tieren, die sich miteinander fortpflanzen können und fruchtbaren Nachwuchs bekommen. Das klingt erstmal sinnvoll. Doch was ist mit den Lebewesen, die sich ungeschlechtlich fortpflanzen können, wie manche Fische oder Eidechsen? Und warum gibt es bei Vögeln zusätzlich vier verschiedene Systeme, nach denen sie eingeteilt werden? Mal sind es genetische Kriterien, mal kommt es mehr auf die Anatomie der Vögel an.

Genau dieses Verwirrungen kritisieren nun Forschende im Fachmagazin Plos Biology und fordern neue Kriterien für ein einheitliches und allgemeingültiges System zur Einteilung von Arten, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Kathrin Baumhöfer.

"Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition, was eine 'Art' denn ist. Die gängigen Systeme sind ja nicht falsch – nur uneinheitlich."
Kathrin Baumhöfer, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Einfluss auf Umwelt und Politik

Eine derartig neue und umfangreiche Einteilung kann einflussreiche Entscheidungen mit sich ziehen. So zum Beispiel für den Artenschutz. Denn man kann nur das schützen, was man auch kennt, was also wissenschaftlich als eine Art anerkannt ist, erklärt Kathrin Baumhöfer. Nur so ist es möglich, den Schutz einer Art auch rechtlich verbindlich festzulegen.

"Man kann nur schützen, was man kennt – wissenschaftlich gesprochen: was als 'Art' anerkannt ist. Denn nur dann kann man das auch rechtlich verbindlich festlegen."
Kathrin Baumhöfer, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Zudem kann ein neues Ordnungssystem auch Einfluss auf die Politik nehmen. Denn dort spielt der Schutz von bestimmten Tieren manchmal eine deutlich größere Rolle als von anderen. So zum Beispiel die kleine Hufeisennase, eine Fledermausart, die den Bau der Waldschlösschenbrücke in Dresden jahrelang lahmgelegt hatte.

Das Problem dabei war bisher: Naturschützerinnen könnten beispielsweise bei dem Bau einer neuen Brücke die Definition heranziehen, die die betroffenen Tiere als gefährdete Art definiert. Bauunternehmer könnten dagegen eine Definition heraussuchen, in welcher die Tiere nicht als gefährdet dastehen. Wenn sich immer jeder die Definition heraussucht, die am besten passt, gibt es schnell Chaos, sagt Kathrin Baumhöfer.

Nessie von Loch Ness als potentiell schützenswerte Art

Einen besonders skurrilen Anlauf unternahmen dazu zwei Forscher im Jahr 1975. Im Fachmagazin Nature erschien ein Text, der argumentierte: Wenn dieses Monster oder Tier tatsächlich existiere, dann wäre es eine sehr seltene, wenn nicht sogar einmalige Art, die zusammen mit ihrem Lebensraum geschützt werden sollte.

Transparenz und Akzeptanz

Als Einteilungskriterien fordern die Forschenden beispielsweise mehr Transparenz. Das bedeutet auch, dass die Liste der Arten für alle Menschen einsehbar sein soll. Zudem sollen auch diejenigen, die die Taxonomie nutzen, ein Wörtchen mitzureden haben, fordern die Autoren und Autorinnen der aktuellen Studie. Damit wollen sie sicherstellen, dass die neue Ordnung auch von allen akzeptiert wird.

Viel Verwaltungsarbeit

Diese Forderung bedeutet konkret vor allem eines: sehr viel Verwaltungsarbeit. Denn bisher sind etwa 1,7 Millionen Tier- und Pflanzenarten bekannt. Das ist jedoch nur der kleinere Teil von allen Lebewesen, die existieren, sagt Kathrin Baumhöfer. Die meisten Organismen, die es gibt, sind nämlich noch gar nicht beschrieben.

"So etwa 1,7 Millionen Tier- und Pflanzenarten, Pilze auch und Einzeller und so weiter sind bisher bekannt, aber das ist wohl der kleinere Teil von allen Lebewesen, die es gibt. Die meisten Organismen, die es gibt, sind noch gar nicht beschrieben."
Kathrin Baumhöfer, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Einige sterben sogar schon wieder aus, bevor sie überhaupt entdeckt wurden.