Wenn wir morgens unseren Tee trinken, dann denken wir wahrscheinlich nicht daran, wie er entstanden ist. Wahrscheinlich wissen die meisten nicht einmal, dass er zum Teil aus Bangladesch stammt. Pflückerinnen ernten ihn dort oft unter unmenschlichen Bedingungen . Unsere Reporterin Yvonne Koch hat seltene Einblicke in diese Teeplantagen bekommen.

Ganz im Norden Bangladeschs gibt es riesige Teeplantagen, die sogenannten Teegärten, die schon Mitte des 19. Jahrhunderts von britischen Teehandelsgesellschaften gegründet wurden. Die Großgrundbesitzer führten sich damals wie Könige auf diesen Plantagen auf und behandelten ihre Arbeiter wie Sklaven. Und das Tragische ist: Für die heute rund 300.000 Teearbeiter in Bangladesch hat sich daran nicht viel geändert. Yvonne Koch hat die Teeplantagen besucht und dort mit Arbeiterinnen gesprochen.

Die Arbeiterinnen verbringen ihr gesamtes Leben auf den Teeplantagen
© Deutschlandfunk Nova | Yvonne Koch
Die Teeplantage, die unsere Reporterin besucht hat

Eigentlich wirken die Teeplantagen idyllisch: So weit das Auge reicht, bedecken dunkelgrüne hüfthohe Teepflanzen die sanften Hügel und Ebenen von Sylhet, einem Distrikt ganz im Nordosten von Bangladesch. Das Idyll endet allerdings gleich neben einer Straße, die sich durch die Plantagen zieht. Hier beginnen die Siedlungen der Teearbeiter. Oft nur zusammengeschusterte Wellblechhütten, nur wenige Häuser sind aus Beton.

In einem dieser Häuser trifft sich Yvonne mit zwei Frauen. Heimlich, denn für die Teepflückerinnen ist es riskant, mit der Presse zu reden. Ihnen drohe, ihre Arbeit zu verlieren, sagen sie. Auch so ist das Leben schon hart genug für die Teepflückerinnen. Ein richtiges Einkommen erzielen sie nur während der Tee-Ernte, also drei Monate im Jahr.

"Pro Korb kriege ich 4 oder 5 Taka, und wenn ich wirklich gut arbeite, schaffe ich 50 Körbe, also 250 Taka am Tag."
Jenny, Teepflückerin

250 Taka, das sind etwa 2,60 Euro für einen vollen Arbeitstag - an guten Tagen. Aber sie schaffe dieses Pensum nur selten, sagt Jenny. Denn die Teeblätter müssen sorgsam gepflückt werden, dürfen nicht geknickt oder gequetscht sein, sonst gibt es Abzüge. Und – Jenny senkt verschämt den Blick – manchmal sei sie einfach zu müde, um schnell zu arbeiten. Denn nach den acht oder zehn Stunden als Pflückerin versorge sie auch noch ihre Familie. 

"Ich stehe morgens früh auf, muss erst das Geschirr spülen, das Haus sauber machen, dann koche ich das Frühstück und füttere die Kinder. Und um neun beginnt die Arbeit in der Plantage. Wenn ich abends heimkomme, mache ich wieder Essen, versorge die Kinder - immer das Gleiche."
Jenny, Teepflückerin

Das werde so weitergehen, bis sie sterbe, sagt Jenny. Sie ist gerade mal 25 Jahre alt, wirkt aber viel älter, mit ihren Falten und der ausgelaugten, vernarbten Haut. Shonda Dash, die Frau neben ihr, nickt zustimmend. Es gebe ja für sie alle nichts anderes als die Teeplantage.

"Wer im Teegarten geboren wurde, ist für immer da - man kann nicht raus."
Shondra, Teepflückerin

Die Teearbeiter stammen ursprünglich aus Indien. Von dort haben britische Teeplantagen-Besitzer sie Mitte des 19. Jahrhunderts als Erntehelfer angeworben - und sie dabei gewaltig übers Ohr gehauen, berichten verschiedene Quellen. Sie haben den Menschen erzählt, dass sie für vier Jahre in einem wundervollen Garten arbeiten dürfen, in dem die Blätter der Bäume aus Gold seien. Das klang verlockend. Da sie aber nicht lesen konnten, haben die Menschen unwissentlich eine Art Buy-out-Vertrag unterschrieben: Sie haben sich verpflichtet, ihr Leben auf den Plantagen zu verbringen und auch ihre Kinder dort anzulernen. Mit dem Effekt, dass sie jetzt seit Generationen in den Teeplantagen leben, arbeiten, einkaufen und sterben.

Antreten zum Putzen - ohne Bezahlung

Manchmal müssen die Arbeiterinnen in die Häuser der Manager oder Plantagenbesitzer zum Putzen kommen, ohne extra dafür bezahlt zur werden, erzählt ein Mann, der plötzlich am Fenster steht, ebenfalls auf der Plantage arbeitet und sich als Onil Dash vorstellt. Ändern könnten sie daran nichts, meint der drahtige Mann mit den schrägen Vorderzähnen. Denn die meisten Arbeiter hätten sich bei den Plantagenbesitzern verschuldet – etwa um Lebensmittel oder Arztbesuche bezahlen zu können.

Diese Abhängigkeit werde ganz gezielt eingesetzt, meldet sich Zakir Ahmed zu Wort. Er ist der Mann, der unsere Reporterin über Schleichwege zu den Arbeiterinnen gebracht hat. Amnesty International hat die beiden zusammengebracht, denn Zakir ist einer der wenigen Menschen, die sich für die Teearbeiterinnen einsetzen. 

"Die Arbeiter sind keine Bangladeschi und sie verlassen nie die Gärten. Deshalb interessiert sich keiner für sie, sie sind einfach nicht zu sehen, unsichtbar und unberührbar."
Zakir Ahmed, setzt sich für Tee-Arbeiter ein

Kaum einer wisse überhaupt, dass es sie gibt. Nicht mal in Bangladesch. Und was für Zakir noch schlimmer ist: Die wenigsten Arbeiter wissen, dass auch sie Rechte haben. Auch, weil die Besitzer sie glauben machen, das Leben auf der Plantage sei ein Leben, in das sie hineingeboren sind. Das entspricht genau dem Kastendenken, mit dem schon die Vorfahren der Teearbeiter in Indien gelebt haben. 


"Mein größter Wunsch war immer, dass es meine Kinder mal besser haben sollen, eine bessere Ausbildung, einen besseren Job - aber das ist utopisch, so was geht nie in Erfüllung."
Shondra, Witwe

Was ihnen bleibt, sind Träume und Wünsche. Und so geht es auch der 45-jährigen Witwe Shondra ohne Hoffnung auf ein besseres Leben.