Ein paar Stichworte genügen, um deutlich zu machen: 2016 ist gefühlt alles andere als ein starkes Jahr ist. München, Nizza, Ansbach, Rouen, Terror-Attacken, Amok-Läufe, die Lage in der Türkei, Brexit, Trump. Viele von uns haben gerade das Gefühl, dass die Welt aus den Fugen geraten ist und wir geradewegs auf die Apokalypse zusteuern.

Wir fragen uns: Stimmt das überhaupt? Oder ist das eine unbegründete, kollektive Panik? Auch im Netz wird das in zahlreichen Posts und Texten diskutiert. Unsere Netzreporterin Martina Schulte hat sich durchgewühlt.

1. Woher kommt das Gefühl der Angst?

Ihr habt wahrscheinlich auch das Gefühl: Angesichts der Schlagzeilen der letzten Tage und Monate schieben viele Menschen Panik.

"Viele Partygespräche, Smalltalks – und auch Tweets und Posts – drehen sich gerade darum, ob und wie die Welt gerade durchdreht."
Martina Schulte, DRadio-Wissen-Netzreporterin

Bei einer Twitter-Umfrage von @evankindley erklären 53 der Teilnehmer 2016 zum schlimmsten Jahr seit 2000. Und auch der Blogger Michael Seemann hat einen ähnlichen Eindruck. Er fragt sich, "ob uns jetzt tatsächlich die Welt um die Ohren fliegt oder ob wir einer psychomedialen Täuschung unterliegen". Also "dass wir uns also nur alle gegenseitig per Twitter und Facebook verrückt machen und die Welt eigentlich gar nicht so schlimm kaputt ist, wie es scheint."

Machen wir uns nur verrückt?

Jein, sagt Martina Schulte. Die schrecklichen Ereignisse sind ja real, die kann und sollte man nicht wegdiskutieren. Aber man sollte sie in den richtigen Kontext stellen. Und dazu gehört für sie zunächst: sich ganz nüchtern klarzumachen, dass wir Menschen soziale Wesen sind, d.h. wir reagieren auf das, was wir um uns herum wahrnehmen. Und das wird natürlich durch die klassische Medienberichterstattung und Social Media beeinflusst.

Vergrößern die Medien die Panik?

Nachrichten sind, wie das Onlinemagazin Slate gerade schreibt, ein ungeigneter Maßstab, um die Lage der Welt einzuschätzen. Denn tagesaktueller Journalismus berichtet, wie Slate schreibt, über Dinge, die passieren – aber nicht über Dinge, die nicht passieren.

"Du wirst nie einen Reporter sehen, der sagt: In diesem Land ist kein Krieg ausgebrochen, in dieser Stadt fand kein Bombenanschlag statt oder in dem Dorf leben die Menschen einfach glücklich."

Der Politkwissenschaftler Jonas Schaible schreibt auf seinem Blog, dass soziale Medien – vor allem das unter Politik- und Medienjunkries verbreitete Twitter – eine Unmittelbarkeit kreiieren, eine Bilderflut, einen Echtzeitrausch, den es zuvor so nicht gab.

Aber ist das Glas jetzt halb voll oder halb leer? Gewinnen die Vernünftigen oder die Frustrierten und Verängstigen?

2. Wie (un)sicher ist unser Leben tatsächlich gerade?

Martina Schulte sagt: Der Welt geht es nicht so schlecht wie es sich für viele gerade anfühlt. Wir sollten wieder lernen zu relativieren.

"Es ist schwer vorstellbar, dass sich die Welt heute in größerer Gefahr befinden soll als während der 2 Weltkriege oder während des Kalten Krieges."

Während des Kalten Krieges, erinnert sich Martina Schulte, sei es so gewesen, dass man morgens zur Schule geht in dem Gefühl: Vielleicht drückt morgen ein russischer oder amerikanischer Präsident auf den roten Knopf. Dagegen sei die Lage heute recht überschaubar.

IS-Attentate: Wird das nicht immer mehr?

Carta schreibt, ein Blick auf die Global Terrorism Database zeigt; Sowohl die Zahl der Anschläge als auch die Opferzahlen sind heute niedriger als in den 70ern, 80ern und frühen 90ern. In nur einem Jahr (zwischen 1961 und 1962) tötete etwa die OAS, eine Untergrundbewegung während der Endphase des Algerienkriegs, in Frankreich durch Attentate etwa 2000 Menschen.

Und im Onlinemagazin Slate schreibt der Harvard Professor Steven Pinker zusammen mit Andrew Mack im Essay "Warum die Welt nicht untergeht", die Enthauptungen, Kreuzigungen und Bombenattentate des IS seien im historischen Kontext nichts Ungewöhnliches. Der Hauptunterschied sei nur, dass wir es live auf Social Media sehen.

"Never mind the headlines. We’ve never lived in such peaceful times."

Dass wir die Anschläge als so drastisch wahrnehmen hat laut Jonas Schaible auch damit zu tun, dass sie zwar insgesamt in Euopa zurückgegangen sind, dass aber die einzelnen Anschläge tödlicher geworden sind.

Unsere alltägliche Sicherheitsgewissheit ist dahin

Und vor allem, dass sie nicht mehr zielorientiert – also nicht mehr auf spezielle Gruppen gerichtet – sind. So wie das etwa bei der RAF gegen Industrielle oder Politiker der Fall war. Sie zielen vielmehr bewusst auf alle.

Deshalb gibt es dieses Gefühl: Es kann jeden treffen. Das sei das Neue – und das Erschreckende, Verunsichernde. Aus der momentanen Panik können wir aber auch etwas lernen, sagt Schaible.

"Wir kontrollieren die Welt nicht. Wir können nicht immer eingreifen, nicht immer das Böse verhindern. Manchmal sind wir schlicht ohnmächtig."