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Die Taliban träumen nicht vom globalen Dschihad - gleichwohl werden sie in Afghanistan viele Fortschritte der letzten 20 Jahre zurückdrehen und das Leben im Land nach der Scharia ausrichten, sagt Terrorismusexperte Peter Neumann. Besonders bitter ist das für Mädchen und Frauen.

Nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan versuchen die Taliban, die Weltöffentlichkeit zu beschwichtigen. Für Peter Neumann, Terrorismusforscher am King's College in London, liegt die Radikalität der islamistischen Gruppierung jedoch auf der Hand. Er sagt: "Die Taliban gehen extrem fundamentalistisch mit der Scharia um und möchten ein sehr striktes Regime implementieren."

Enttäuschte Hoffnungen

Das Leben in Afghanistan wird sich verändern mit der Machtübernahme der Taliban. Tragisch sei das besonders für Frauen und Mädchen in Afghanistan und Menschen in der Hauptstadt Kabul. Der lange, westliche Militäreinsatz habe bei vielen die Hoffnungen auf eine Gesellschaft nach demokratischem Vorbild geweckt.

"Das ist eigentlich die Tragödie, dass wir innerhalb von 20 Jahren wirklich Hoffnungen geweckt haben, die jetzt zwangsläufig wahrscheinlich enttäuscht werden."
Peter Neumann, Terrorismusexperte King's College in London

Innerhalb Afghanistans würden die Taliban insbesondere in Kabul versuchen, die vielen Fortschritte der letzten 20. Jahre zurückzudrehen. Für viele Afghanen auf dem Land sei das im Prinzip kein Problem.

"Besonders die ländliche Bevölkerung in Afghanistan hat niemals wirklich von der westlichen Intervention profitiert."
Peter Neumann, Terrorismusexperte King's College in London

Die relative Unbekanntheit der Taliban-Anführer liege in dem Selbstverständnis der islamistischen Gruppe begründet. Führung werde in ihr als kollektive Aufgabe verstanden.

"Die Taliban sehen sich als eine militärische Organisation, in der die Führung kollektiv Verantwortung übernimmt. Deswegen kennt man auch viele Figuren nicht."
Peter Neumann, Terrorismusexperte King's College in London

Einige Personen seien dann aber doch namentlich bekannt. Peter Neumann nennt Abdul Ghani Baradar. Er hat in Doha mit den Amerikanern und anderen Mächten verhandelt. Auch Mitglieder der Familie Haqqani rechnet Peter Neumann zu den Taliban. Sirajuddin Haqqani und sein Bruder Anas Haqqani sind relativ bekannt und noch aktiv.

Verbindungen nach Katar und Iran

Die meisten islamischen Länder wollten mit den Taliban im Prinzip nichts zu tun haben, meint der Terrorismusforscher. Das Emirat Katar sei eine Ausnahme. Peter Neumann weist darauf hin, dass die Taliban dort einen Stützpunkt unterhalten. Als weitere Ausnahme nennt er den Iran.

Der Gegensatz zwischen den beiden großen muslimischen Glaubensrichtungen – Schiiten in Iran, Sunniten bei den Taliban – spiele dabei keine Rolle. Der Iran versuche offensichtlich, einen Modus Vivendi mit dem östlichen Nachbarn zu finden: "Die längerfristige Motivation für Iran ist einfach, dass man Friede an der östlichen Grenze will, dass man keine Flüchtlinge will, dass man keinen Terrorismus will", sagt Peter Neumann.