Wenn es um Sucht und Entzug geht, fallen oft Begriffe, die viele von uns nicht einordnen können: Was etwa ist der Unterschied zwischen Entzug und Entgiftung? Oder: Warum gibt es Einzel- und Gruppentherapie? Wir sprechen mit einem Suchtmediziner und schaffen Klarheit.

In Interviews zu seinem neuen Album hat Sido unlängst viel über seine Kokain-Abhängigkeit und den anschließenden Aufenthalt in einer Klinik gesprochen. Auch in Serien und Filmen gibt es immer wieder Szenen, die uns den Drogenentzug schildern. Wie so ein Entzug tatsächlich abläuft, darüber sprechen wir mit Maurice Cabanis vom Klinikum Stuttgart. Er ist dort Ärztlicher Direktor der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten.

Erste Herausforderung: Sucht als Sucht (an)erkennen

Wenn uns klar wird, das wir oder eine Person aus unserem Umfeld vielleicht ein Problem mit Alkohol oder anderen Drogen könnten, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten: Wir können zum Beispiel zunächst mit unserem Hausarzt oder unserer Hausärztin darüber sprechen. Oder wir wenden uns direkt an eine Suchtberatungsstelle.

"Das ist eine Beratungsstelle, wo man sich über verschiedene Formen und Probleme mit Konsum erkundigen kann, Informationen erhält und dann auch passgenau besprechen kann, was in einzelnen Situationen relevant ist."
Maurice Cabanis, Direktor der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten in Stuttgart

Aber: "Da haben leider viele Menschen das Problem mit dem Begriff Sucht. Weil wenn man zum ersten Mal bei sich bemerkt, mit dem Konsum passt es nicht so ganz, ich habe es vielleicht nicht so ganz unter Kontrolle, dann ist es schwierig, schon den Begriff Sucht für sich selbst zu wählen. Und deshalb gehen viele Menschen dort nicht hin", sagt Maurice Cabanis.

Wenn wir feststellen, dass ein Entzug sinnvoll wäre, dann findet der häufig stationär statt. Der Suchtmediziner sieht an dieser Stelle allerdings ein Problem im Gesundheitssystem in Deutschland. Denn es stünden nur wenige Plätze zur Verfügung, um viele Menschen, die einen Entzug oder eine Entgiftung brauchten, zu versorgen. Wartezeiten können demnach zum Teil zwischen wenigen Wochen bis hin zu Monaten dauern. In Notfällen können es allerdings auch schneller gehen.

Entzug oder Entgiftung?

Das werde häufig durcheinander gebracht, aber es gebe – nicht ganz offizielle – Definitionen, so Maurice Cabanis. Entgiftung bedeuteh, dass man die Substanz aus dem Körper schafft und die Entzugserscheinungen behandelt, die damit einhergehen. Dazu können Schwitzen, Unruhe, Zittern, körperliche Schmerzen oder ähnliches gehören. "Und wenn ich das gut abgefangen habe, dann beginnt im Grunde der Entzug, dass ich den Abstand von der Substanz erhalte und dabei begleitet werde", sagt Cabanis.

"Die Entgiftung dauert wenige Tage, und die Entzugsbehandlung – wenn sie qualifiziert ist – dauert immer so zwei bis drei Wochen."
Maurice Cabanis, Direktor der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten in Stuttgart

Und dann gibt es noch einen dritten Begriff: die Entwöhnung. So nennt man es, wenn man noch eine längere Therapie macht, um sich noch weiter von der Substanz zu entfernen und noch mehr Strategien zu entwickeln, um längerfristig mit dem Substanzkonsum aufzuhören.

Ambulanter Entzug als Alternative

Wer keinen stationären Platz bekommt, kann einen Entzug eventuell auch zuhause machen, erklärt Maurice Cabanis. Allerdings brauche man dafür eine engagierte Ärztin oder einen engagierten Arzt, die oder der das begleitet. "Leider bildet das Gesundheitssystem das finanziell zurzeit noch nicht ab", so Cabanis.

Zum Alkoholentzug gibt es Zahlen, die zeigen, wie schwierig es ist: 90 Prozent der Entgiftungen in England werden ambulant gemacht, 10 Prozent in der Klinik. In Deutschland ist es genau umgekehrt. "Wenn man eine Entgiftung zu Hause macht, muss man trotzdem relativ häufig den ambulanten zuständigen Arzt oder die Ärztin sehen", sagt der Suchtmediziner. Diese Besuche würden jedoch nicht finanziert. Und deshalb sei es in vielen Praxen nicht machbar.

Außerdem habe man in Deutschland nicht so viel Erfahrung mit den ambulanten Entgiftungen. Ein Zwischenlösung ist übrigens eine Tagesklinik – heißt: Tagsüber ist man zwar in einer Klinik, schläft nachts dann aber zu Hause.

Einzel- und Gruppentherapie

Schließlich gibt es noch Einzel- und Gruppentherapien – beides sind wichtige Bestandteile eines Entzugs. Allerdings zeige sich auch hier das Problem langer Wartezeiten: "Was man jetzt in der ambulanten Versorgung häufig sieht, ist, dass die Psychotherapie sehr, sehr lange Wartezeit mit sich bringt und deshalb Gruppentherapien manchmal auch zur Überbrückung genutzt werden", sagt Maurice Cabanis.

"Bei der Einzeltherapie gelingt es, an bestimmten Punkten, die nur für die einzelne Person relevant sind, zu arbeiten. In einer Gruppe ist der große Vorteil, dass ich mit Menschen spreche, die ähnliche Probleme oder die vielleicht ganz andere Probleme haben."
Maurice Cabanis, Direktor der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten in Stuttgart

Normalerweise sei eine Kombination aus Einzel- und Gruppentherapie am besten. In der Einzeltherapie könnten dann die ganz persönlichen Punkte besprochen werden. Und in der Gruppe bekomme man durch die anderen eine Außensicht, sowohl auf die eigenen Probleme, als auch auf die Probleme der anderen. Oft sei es sehr hilfreich, in der Gruppe gemeinsam über Lösungsansätze zu sprechen.

Wenn es dir oder Menschen in deinem Umfeld nicht gut geht, hol dir Hilfe! Eine ganze Reihe von Anlaufstellen haben wir hier für dich zusammengefasst.

  • Moderatorin:  Steffi Orbach
  • Gesprächspartner:  Maurice Cabanis, Ärztlicher Direktor der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten am Klinikum Stuttgart