Viele junge Frauen beschäftigen sich beim Thema Kinderkriegen erstmal lange nur mit einer Sache: Verhütung. Aber gerade im fruchtbarsten Alter macht es Sinn, sich auch über die Zukunft Gedanken zu machen.

Die meisten Frauen denken in ihren Zwanzigern wohl kaum an ihre Fruchtbarkeit. Das tun sie oft erst, wenn es knapp wird. Dabei kann es Sinn machen, sich mit dem Kinderkriegen auseinanderzusetzen, wenn es man es noch gar nicht will, aber (noch) kann.

Lia Grünhage findet es wichtig, dass gerade junge Frauen sich auch schon mit Fruchtbarkeit und Möglichkeiten wie der Einfrierung von Eizellen beschäftigen. Sie ist Gründerin von Avery Fertility, einem Start-up, das Beratung genau in diesen Bereichen anbietet.

"Wir Frauen lernen alles über Verhütung, aber nichts über Fruchtbarkeit."
Lia Grünhage, Gründerin von "Avery fertility"

In Deutschland ist eine Frau durchschnittlich knapp über dreißig, wenn sie ihr erstes Kind bekommt – bei Akademikerinnen liegt das Durchschnittsalter sogar bei 34. Zu dem Zeitpunkt sind wir schon lange nicht mehr in unserem fruchtbarsten Alter, sagt Lia Grünhage. In der Zeit würden sich viele Frauen quasi nur mit Verhütung auseinandersetzen – und kaum mit Fruchtbarkeit.

Fruchtbarkeit nimmt mit 30 langsam ab

Viele Frauen wollten zwar irgendwann ein Kind bekommen, wüssten aber nicht, dass das schon ab 30 schwierig werden könnte, meint Lia Grünhage. Eine Umfrage der LMU München zeigt: Mehr als die Hälfte der Befragten meint, dass eine Schwangerschaft problemlos noch bis in die 40er möglich ist. Solche Fehlinformationen führten dazu, dass sich kaum eine Frau in ihren 20ern mit der Möglichkeit des Social Freezing auseinandersetze, meint die Unternehmerin.

"Social Freezing ist eine Methode, um Einzellen einzufrieren, und so die Möglichkeit zu haben, unabhängig vom Alter noch schwanger werden zu können."
Lia Grünhage, Gründerin von "Avery fertility"

Social Freezing ist eine Methode für junge Frauen, ihre Eizellen einzufrieren, und so die Möglichkeit zu haben, unabhängig vom Alter schwanger werden zu können. Frauen, die ein solches Verfahren in Betracht ziehen, sollten das am besten mit Anfang 30 machen, bevor die Eizellen-Qualität abnimmt, meint Lia Grünhage.

Eizellen lagern bei minus 196 Grad

Die Eizellen werden den Frauen im Social-Freezing-Verfahren mit einem kurzen operativen Eingriff unter Vollnarkose aus der Scheide entnommen. Dann wird untersucht, ob die Eizellen sich zur Einfrierung eignen, erklärt Chefarzt Dr. Stoll vom Kinderwunschzentrum Ceres.

Die geeigneten Eizellen werden dann in bei minus 196 Grad in Stickstoff-Kühltanks gelagert. In den Tonnen werden außerdem auch Samenzellen, Hodengewebe, unbefruchtete sowie befruchtete Eizellen und Eierstockgewebe aufbewahrt - je nachdem, für welche Art der Einfrierung sich eine Frau entscheidet.

Social-Freezing-Verfahren kann zu Wassereinlagerungen führen

Bedenkenlos ist das Verfahren allerdings nicht, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Natalja Joselewitsch. Vorab müssen sich die Frauen sieben bis zehn Tage selbst Hormone spritzen, um die Eizellenbildung anzuregen. Es ist zwar selten, aber im schlimmsten Fall können diese Hormone zu gefährlichen Wassereinlagerungen führen.

Kommt das eingefrorene Ei schließlich später zum Einsatz, kann es später nur künstlich im Labor befruchtet werden. Billig ist der Eingriff nicht: Die Kosten liegen bei rund 5.000 Euro, für die die Patientinnen komplett selbst aufkommen müssen.

"Ich bin der Überzeugung, dass Social Freezing die grundlegenden Probleme, die dazu führen, dass Frauen diese Maßnahme überhaupt in Anspruch nehmen, nicht adressiert."
Claudia Bozarro, Medizinethikerin an der Universität Freiburg

Claudia Bozarro ist Medizinethikerin an der Universität Freiburg und sieht das Verfahren kritisch. Sie meint: Social Freezing löst nicht die Probleme, die es adressiert. Auch wenn Frauen sich dadurch ein bisschen mehr Zeit kaufen könnten, bleibe die Schwierigkeit bestehen, mit einem Kind Karriere zu machen. Egal ob mit dreißig oder mit vierzig.

Social Freezing ist keine Garantie für ein Kind

Claudia Bozarro zweifelt außerdem an der tatsächlichen Erfolgsquote des Vorgangs. Die liege abhängig vom Alter nur bei 30 - 40%. Das Problem: Viele Frauen entscheiden sich erst nach dem besten Alter dafür, ihre Eizellen einzufrieren. Social Freezing sei eben keine Garantie für ein Kind in der Zukunft – es erhöhe nur die Chancen.