Vor einem Jahr konnte Timur nicht ohne Panik in eine Straßenbahn steigen. Inzwischen hat der 24-Jährige eine Therapie gemacht, um seine Angststörung in den Griff zu kriegen. Die Behandlung hat ihm neuen Mut geschenkt.

Wenn Timurs Angststörung einsetzt, dann verliert er die Kontrolle über seinen Körper, wie er selbst sagt: "In meinem Fall ist das so, dass ich merke, ich bin ganz unruhig, mir wird heiß, ich fange an zu zittern, ich fange an zu schwitzen, mir wird ein bisschen übel." Er kann dann auch nicht sprechen, "weil ich die kognitiven Fähigkeiten nicht mehr habe in dem Moment."

"Da ist es auch schon mal passiert, dass ich auf einer Straße vor ein Auto gelaufen bin, weil ich gar nicht mehr in der Lage war, nach links und rechts zu gucken."
Timur über seine Angststörung

Timur leidet unter einer Agoraphobie, die umgangssprachlich als Platzangst bekannt ist. "Immer wenn ich rausgegangen bin, hatte ich eigentlich ununterbrochen Panikattacken", beschreibt der 24-Jährige.

Ursprünglich bekam Timur "nur" auf großen Veranstaltungen und in öffentlichen Verkehrsmitteln Panik – "bis es dann irgendwann jeder einzelne Schritt aus meiner Wohnung gewesen ist", erinnert er sich. Die Angst überkam Timur ständig, sodass er nicht in der Lage war, rauszugehen.

"Mein Körper versucht aus dieser eigentlich nicht gefährlichen, aber als gefährlich wahrgenommenen Situation zu entkommen."
Timur über seine Angststörung

Seine Angststörung beinhaltet auch depressive Symptome, die Timurs Leben einnehmen. Es habe sich nicht mehr für ihn gelohnt, rauszugehen, weil das stets mit einem Kampf gegen die Angststörung verbunden war, beschreibt Timur: "Irgendwann denkt man sich: Lohnt es sich noch aufzustehen? Und dann denkt man: Es lohnt sich nicht."

"Das war der Punkt, an dem ich dachte: Okay krass. Das ist nicht das Leben, das ich länger leben möchte oder auch länger leben kann", sagt sich der 24-Jährige. Weil er an dem Tag genügend Energie hat, versucht er, mehrere Therapiepraxen zu erreichen, bis sich schließlich eine Praxis meldet. "Wenn niemand rangegangen wäre, weiß ich nicht, wie es weitergegangen wäre."

Timur holt sich professionelle Hilfe

Timurs Weg zur Therapie ist kein einfacher. Zunächst nehmen mehrere Praxen, die er anruft, nicht den Hörer ab. Dann kommt ein bürokratischer Prozess, der zeigen soll, dass Timur die Therapie tatsächlich braucht: "Ich musste so etwas wie ein Casting durchlaufen", sagt Timur. Er habe mehrmals vorsprechen müssen und auch viele Formulare abgegeben.

Für den Platz kämpfen zu müssen ist damals besonders hart für Timur, weil zu dem Zeitpunkt "jede einzelne Aktivität irgendwie schwerfällt". Deshalb kritisiert er die bürokratische Struktur, die man meistens durchlaufen muss, um einen Therapieplatz zu bekommen.

"Die Therapie war super. An den Therapieplatz zu kommen ist ein Alptraum."
Timur

Seine Behandlung beschreibt Timur als "anstrengend. Man muss viel verändern." In dieser Zeit lernt er, mit seiner psychischen Erkrankung umzugehen.

"Meine Hoffnung war eigentlich, dass ich hinterher diese Angststörung nicht mehr habe. Das ist nicht der Fall. Aber eigentlich ist es besser", sagt der 24-Jährige. So kann Timur langfristig die Erkrankung unter Kontrolle halten: "Sie kann sich nicht irgendwann wieder anschleichen und mich überraschen."

Die Angststörung bleibt - aber Timur weiß mit ihr umzugehen

Wenn Timur sich heute in einer Situation befindet, wo Panik aufkommt, versucht er frühzeitig "die Zügel in die Hand zu nehmen", wie er selbst erzählt. Das macht er etwa mit Atem- und Achtsamkeitsübungen.

Ihm helfen auch sogenannte "Skill-Gegenstände", also Dinge, die die Wahrnehmung verlagern, weil sie besonders stark schmecken oder intensiv riechen "und dann einen zurück ins Hier und Jetzt holen", beschreibt Timur. "Wichtig ist, dass man das rechtzeitig erkennt und früh genug die Initiative ergreifen kann, um das abzuwenden."

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Nach knapp einem Jahr hat er die Behandlung abgeschlossen. "Am Ende der Therapie war ich auch bereit", sagt der 24-Jährige. "Ich hatte das Gefühl, dass ich das letzte Jahr auf etwas intensiv vorbereitet wurde und jetzt das, was ich gelernt habe, wirklich in der Praxis anwenden kann." Die Behandlung hat ihn sehr verändert, sagt Timur: "Timur vor einem Jahr und Timur von heute – das sind zwei unterschiedliche Personen."