China, 4. Juni 1989

Die Erinnerung an das Tiananmen-Massaker ist tabu

Am 4. Juni 1989 töteten Soldaten der chinesischen Volksbefreiungsarmee mehrere hundert oder sogar tausende Menschen, die wochenlang für mehr Demokratie, Freiheit und den Kampf gegen Korruption in China protestiert hatten. Das Militär ging in der Nacht zum 4. Juni mit Panzern gegen die Demonstranten – vor allem Studenten – vor. Offizielle Zahlen über Todesopfer und Verletzte gibt es nicht. Bis heute lässt die Regierung keine Aufarbeitung der Vorfälle zu.

Astrid Freyeisen hat als Korrespondentin mehrere Jahre in Shanghai gelebt und von dort aus über China berichtet. Sie sagt, das Ereignis von 1989 habe heute immer noch große Auswirkungen auf die Psyche des Landes.

Astrid Freyeisen erinnert sich noch, wie sie als Studentin drei Jahre nach dem Massaker für einen Auslandsaufenthalt nach China gegangen ist: "Man hat noch gespürt, wie angespannt alles ist und dass sich die Leute nicht richtig wohlfühlen." Später im Gespräch mit Freunden und Kollegen erfuhr sie dann immer mehr, dass das Thema ein absolutes Tabu ist. Zum Beispiel wäre einer ihrer Bekannten fast von der Uni geflogen, weil er angefangen hatte, öffentlich Fragen zu stellen.

"Wer öffentlich versucht, Fragen zu stellen – zum Beispiel die Mütter der Opfer – wird sofort unter Hausarrest gestellt. Es droht ihnen Gefängnis."
Astrid Freyeisen, ehemalige Korrespondentin in China

Das Schweigen hat Folgen. Jüngere Menschen haben heute kaum noch eine Vorstellung davon, was damals passiert ist. "Für Leute, die ein politisches Bewusstsein haben, ist das sehr sehr schlimm", so Astrid Freyeisen.

Angehörige haben keine Möglichkeit, der Verstorbenen zu gedenken

Mütter von den damals getöteten Studierenden versuchen immer wieder, Fragen zu stellen. Sie fordern die Regierung auf, Stellung zu nehmen und fordern Entschädigungen. "Sie stoßen im besten Fall gegen eine Wand des Schweigens", sagt Astrid Freyeisen, "im schlimmsten Fall werden sie drangsaliert und dürfen das Haus nicht mehr verlassen." Ein berühmter Militärarzt, der in China bei vielen als Held gilt, weil er damals Studenten medizinisch versorgt hat, wurde monatelang unter Hausarrest gestellt. Er hatte es gewagt, einen Brief an den chinesischen Staatschef Xi Jinping zu schreiben und zu fragen, was damals los war.

"Wir wissen nicht, was die politische Führung denkt."
Astrid Freyeisen, ehemalige Korrespondentin in China

Da keine Fragen erlaubt sind, weiß niemand genau, wie die aktuelle chinesische Regierung über die Ereignisse vom 4. Juni 1989 denkt. Es habe vor Kurzem nur einen kleinen Hinweis gegeben, sagt Astrid Freyeisen. Am Rande einer Konferenz in Singapur habe der chinesische Verteidigungsminister sich dazu geäußert und gesagt: Es sei richtig gewesen, wie die Regierung damals reagiert habe. Und es sei auch der Grund, warum China bis heute stabil sei. "Ich vermute, das ist kein zufälliges Statement, sondern eines, das lange halten soll."