Bienen haben erstaunliche Fähigkeiten. Sie bauen komplizierte Wabenkonstruktionen, kooperieren und haben einen ausgezeichneten Orientierungssinn. Sie können Aufgaben bewältigen, die sonst nur Primaten lösen. Wie schaffen sie das? Was geht in ihren Köpfen vor? Ein Vortrag des Biologen Lars Chittka.

Wenn Bienen in der Natur einen neuen Stock bauen, dann bauen sie von oben nach unten. Das bietet sich an, weil der Bienenstock meist an einem Baumast hängt. Die Bienen nutzen so die Schwerkraft bei ihrer Konstruktion. Man könnte denken, dieses Verhalten sei instinktiv, es sei den Bienen quasi einprogrammiert. Doch das stimmt nicht.

"Bienen und Hummeln haben alle möglichen Formen von sozialem Lernen, von Lernen durch Beobachtung."
Lars Chittka, Biologe

In Experimenten kann man zeigen, dass die Bienen ihr Bauverhalten spontan an äußere Faktoren anpassen können. Eingesperrt in einen Kasten mit einer Glasdecke, bauen sie ihren Stock von unten nach oben, weil sie am Glas keinen Halt finden. Oder von links nach rechts, wenn die Forschenden auch den Boden durch eine Glasplatte ersetzen. Ein Roboter, der so programmiert wird, dass er das Bauverhalten der Bienen in der Natur nachahmt, würde an diesem "Umdenken" scheitern.

Warum wir Bienen respektieren sollten

Bienen, sagt Lars Chittka, haben erstaunliche Fähigkeiten, die weit über instinktive, automatisierte Verhaltensweisen hinausgehen. Sie können ihr Verhalten flexibel anpassen, können von anderen Bienen lernen und können sogar einfache Werkzeuge gebrauchen. Lars Chittka ist Biologe und forscht zu Sinneswahrnehmungen und Psychologie von Tieren, insbesondere Bienen.

"Können sich Insekten Objekte vorstellen? Haben sie so etwas wie eine mentale Repräsentation von Blütenformen oder Objekten?"
Lars Chittka, Biologe

Es gebe durchaus Hinweise darauf, sagt Chittka, dass Bienen eine Form von Bewusstsein haben, nachdenken können und emotionsartige Zustände haben. Ja, wir brauchen Bienen als Bestäuberinnen für unsere Pflanzen. Aber wir sollten sie nicht allein deswegen schützen, argumentiert er.

"Man sollte im Naturschutz nicht nur argumentieren, dass wir die Bienen brauchen, weil sie unser Obst und Gemüse bestäuben, sondern auch, weil man ihnen aufgrund ihrer erstaunlichen Geisteswelt vielleicht einiges an Respekt zollen sollte", sagt Chittka.

Lars Chittka ist Professor für Sensorik und Verhaltensökologie an der Queen Mary University of London. Sein Vortrag hat den Titel "Der Verstand der Bienen". Er hat ihn am 11. Mai 2022 an der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, in Halle an der Saale gehalten.