Einfach das Gesprächsprotokoll lesen, schon klärt sich, was genau im Telefonat zwischen Trump und Selenskyj passiert ist - so einfach ist das nicht. Denn es gibt keine Mitschnitte des Gesprächs, nur Aufzeichnungen der Mitarbeiter, die mit ihm Raum waren. Und nicht alle dürfen über das Gehörte sprechen.

Wenn zwei Staatsmänner miteinander telefonieren, dann sind sie dabei nicht allein. Mit im Raum oder zugeschaltet ist ein großes Team, erklärt Thomas Jäger, Professor für internationale Politik und Außenpolitik. So auch bei dem brisanten Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.

Gebrieft per Sprechzettel

Wer genau dabei ist, hängt von der Art des Telefonats ab und mit wem geredet wird. Vor Ort sind etwa Dolmetscher, Mitarbeiter der Fachministerien und des nationalen Sicherheitsrats - diese halten den Gesprächsinhalt fest.

Der Präsident wird vorher gebrieft, er bekommt vom Fachpersonal Sprechzettel, in denen die Position vereinbart sind und welche Themen angesprochen werden sollen. "Und bei normalen Präsidenten, sage ich mal, funktioniert das auch", sagt Thomas Jäger. Trump sei allerdings bekannt dafür, davon abzuweichen.

"Bei Trump ist das vermutlich anders, da er bekanntermaßen sprunghaft ist und die ein oder andere Volte reinhaut. Das ist ja das Problem, das im Moment im Weißen Haus aufschlägt, dass er sich nicht an den Fahrplan gehalten hat."
Thomas Jäger, Professor für Internationale Politik und Außenpolitik

Der Whistleblower, der publik gemacht hatte, dass Trump Druck auf Selenskyj ausgeübt haben soll, war selbst keiner der Mitarbeiter, die mit ihm Raum waren, erklärt Korrespondent Thilo Kößler. Er besaß aber Kenntnis von dem Gesprächsinhalt. Das Telefonat sei von zehn Mitarbeitern mitgehört worden, die sich zum Teil sehr besorgt geäußert haben. "Der Whistleblower bezieht sich ausdrücklich auf das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten vom 25. Juli. Und spricht davon, dass Donald Trump ganz klar seine persönlichen Interessen verfolgt habe", so Kößler.

Mitschrift, aber kein Mitschnitt

Entscheidend für die Beweislage ist die Mitschrift des Gesprächs. Dass müsste man sich aber nicht wie ein Eins-zu-eins-Abschrift eines aufgezeichneten Gesprächs vorstellen, so der Politologe Thomas Jäger. Zuletzt wurden unter Nixon Gespräche mitgeschnitten. Heute machen verschiedene Mitarbeiter aus dem Nationalen Sicherheitsrat Aufzeichnungen. "Sie versuchen schon möglichst wörtlich das alles mitzuschreiben". Am Ende werden Abschriften miteinander verglichen und daraus wird ein möglichst genaues Gesprächsprotokoll erstellt.

Kampf ums Protokoll

Besonders brisant in diesem Fall, so USA-Korrespondent Thilo Kößler, dass in den Tagen nach dem Telefonat von Mitarbeitern Donald Trumps versucht worden sei, die umfassende Abschrift unter Verschluss zu nehmen. Also das Dokument vom üblichen Server herunterzunehmen und separat abzuspeichern.

Einer der Knackpunkte ist auch die Genauigkeit des Gesprächsprotokoll. Bisher sei zwar die Rede davon, dass Trump den ukrainischen Präsidenten unter Druck gesetzt habe, ihm zu helfen, belastendes Material gegen Joe Biden zu beschaffen, so Thilo Kössler. Bisher nicht belegt ist aber, ob er auch die militärische Hilfe als Druckmittel eingesetzt hat.

Kein Zugriff auf die Dolmetscher

Schon bei einem Vier-Augen Gespräch von Trump und Putin 2018 sei versucht worden, die anwesende Dolmetscherin zu befragen. Aber Dolmetscher sind rechtlich geschützt, erklärt: "Sie müssen über das schweigen, was sie hören und übersetzen."

Damals habe sich nicht rekonstruieren lassen, worüber gesprochen wurden. Doch das sei heute anders, sagt Thilo Kößler. In der Ukraine-Affäre gibt es Beweismaterial, das ausgewertet werden müsse.

"Jetzt liegt die Smoking Gun vor; es gibt das Telefonat, es gibt den Versuch, das Material zu bekommen und die Aussage eines Vertuschungsversuch - das zusammen ist wirklich eine belastende Kulisse."
Thilo Kössler, Korrespondent für die USA