Bombenanschläge, diskriminierte Minderheiten, verhaftete Journalisten - und Präsident Erdogan plädiert dafür, die Todesstrafe einzuführen. Viele von uns möchten ein politisches Zeichen setzen und reisen daher nicht mehr in die Türkei. 

Schon seit zwei Jahren geht die Zahl der Touristen, die in die Türkei reisen, deutlich zurück. Manche haben Angst vor Terroranschlägen, finden die Politik der türkischen Regierung undemokratisch - sie boykottieren die Türkei. 

"Generell finde ich die Moralisierung von Reisezielentscheidungen etwas albern."
Matthias Burchardt, Philosoph

Die Frage dabei ist: Hat diese Entscheidung tatsächlich einen Einfluss auf die Politik des Landes? Oder beruhigen wir einfach nur unser Gewissen? Schaden wir damit vielleicht nur den Familien, die vom Tourismus leben müssen - und die womöglich gegen die Regierung sind? "Erdogan leidet nicht unter dem Tourismusproblem. Sondern es leiden die armen Leute, die dann in den kleinen Familienbetrieben Gastfreundschaft betreiben können", sagt der Philosoph Matthias Burchardt.

Wenn wir das Reiseziel nach moralischen Kriterien auswählen, sollten wir uns in Zeiten von Trump, Le Pen und dem Brexit fragen, wohin wir dann überhaupt noch reisen können, sagt Matthias Burchardt. "Sag mir einen Flecken der Erde, der frei von Schuld ist und dann fahren wir hin. Wir nennen es das Paradies."

"Wenn ich dorthin reise, trage ich dazu bei, dass die Freundschaft der Menschen auf der ganzen Welt sich vertieft und so etwas wie eine Völkerverständigung stattfindet."
Matthias Burchardt, Philosoph

Der Philosoph plädiert sogar dafür, dass wir uns bewusst für eine Reise in die Türkei entscheiden. Er sagt, dass wir dadurch unseren Horizont erweitern und möglicherweise die politischen Verhältnisse besser verstehen können. Und dass es vielleicht auch für die Bewohner des Landes positiv ist, mit uns ins Gespräch zu kommen.

Entmachtung staatlicher Organe

Doch egal, ob es ums Reisen in bestimmte Länder geht oder darum, ob wir Palmöl boykottieren und stattdessen eine teurere Alternative wählen. Matthias Burchardt ist der Meinung: Wenn wir Konsumentscheidungen zum politischen Prinzip erklären, entmachten wir staatliche Organe. Er sieht es als demokratischer an, wenn politische Bürger die Prozesse in einem Staat bestimmen - statt denjenigen, die es sich finanziell leisten können, dies durch Kaufentscheidungen zu tun.

​"Im Armutsbericht wurde der Satz zensiert, dass reiche Menschen mehr Einfluss auf das politische Geschehen haben, als arme Menschen - aber gerade das zementierst du durch politische Kaufentscheidungen."
Matthias Burchardt, Philosoph