Seit fast 20 Jahren steht Recep Tayyip Erdoğan an der Spitze der Türkei. Dabei wurde der einstige Reformer inzwischen zu einem autoritären Präsidenten. Was ist Erdoğan für ein Mann? Und wie hat er die Türkei verändert? Darüber spricht der Islamwissenschaftler Maurus Reinkowski in seinem Vortrag.

Recep Tayyip Erdoğan wird 2003 zum Ministerpräsidenten gewählt und verbindet damals gemäßigten Islamismus mit Demokratie und Marktwirtschaft. EU-Betrittsverhandlungen werden aufgenommen und sein Land erfährt einen wirtschaftlichen Aufschwung.

Die 2000er-Jahre sind eine goldene Zeit für die türkische Demokratie, sagt Maurus Reinkowski, Islamwissenschaftler an der Universität Basel. Die alten Eliten des Kemalismus verloren damals ihren Zugriff auf die Macht und die neuen Eliten der AKP hatten die Macht noch nicht vollständig ergriffen.

Erdoğan als Einiger

Erdoğan vereinigt das islamistische und rechtskonservative Milieu, das bis dahin immer getrennte Wege gegangen war, erklärt der Islamwissenschaftler. Außerdem versöhne er die scheinbar Marginalisierten mit der Macht. Dabei vertritt er seinen biografischen Hintergrund offensiv und präsentiert sich als Anti-System-Politiker, so Maurus Reinkowski weiter.

"Erdoğan vertritt seinen biografischen Hintergrund offensiv. Er lacht und lächelt niemals, aber er weint des Öfteren."
Maurus Reinkowski, Islamwissenschaftler

Erdoğan als Spalter

Aber Erdoğan spaltet auch die türkische Gesellschaft. "Spätestens seit 2016 unterdrückt die AKP die politischen Rechte der Kurden", sagt Maurus Reinkowski. Seine Rhetorik sei populistisch und islamisierend.

"Erdoğan bedient sich der Identitätsressouren und der emotionalen Stärke des Islams, ohne aber ein politisches Programm offen damit vertreten zu wollen."
Maurus Reinkowski, Islamwissenschaftler

Recep Tayyip Erdoğans Herrschaft wird bis heute von der türkischen Gesellschaft mitgetragen, erklärt der Islamwissenschaftler. Bis heute gebe es eine Starke Übereinstimmung der Bevölkerung mit dem politischen Gestus und den politischen Inhalten Erdoğans.

Maurus Reinkowski hat seinen Vortrag "Großer Einiger, großer Spalter: Recep Tayyip Erdogan" auf der Tagung "Starke Männer – Figuren disruptiver Politik in transnationaler Perspektive" gehalten. Organisiert wurde die Tagung vom Sonderforschungsbereich "Helden - Heroisierungen - Heroismen" an der Universität Freiburg.