33 Jahre ist das Reaktorunglück von Tschernobyl her. Es kursieren viele Schätzungen über die Zahl der Toten, die stark von einander abweichen. Statistikerin Katharina Schüller schlüsselt auf, wieso es den Experten nicht gelingt, sich auf eine Schätzung zu einigen.

Der Abspann der HBO-Serie "Tschernobyl" wirft beim Zuschauer Fragen auf: Dort gibt es verschiedene Zahlen, die die Toten nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl im Jahr 1986 beziffern. 31 Tote ist zum Beispiel eine offizielle Zahl. Aber im Abspann heißt es auch, dass die Schätzungen zu Todeszahlen zwischen 4.000 und 93.000 Opfern schwanken würden.

"Bis zum Jahr 2004 sind 47 von hunderttausenden Aufräumarbeitern nachweislich an Strahlenschäden gestorben, davon 31 unmittelbar zum Zeitpunkt des Unglücks. Daher kommt also die Zahl 31 im Abspann der Serie."
Katharina Schüller. Statistikerin

Statistikerin Katharina Schüller sagt, dass die starken Schwankungen zwischen den geschätzten Todeszahlen verschiedene Gründe haben. Beispielsweise sind die Langzeitfolgen des Unglücks wegen der unsicheren Daten und weil alle Schätzungen auf Modellrechnungen beruhen, nur schwer abzuschätzen.
Es gibt unzählige Aussagen darüber, wie häufig bestimmte Krankheiten, wie zum Beispiel Krebs, auftreten. Experten sind sich nicht einig darüber, welche Erkrankungen mit Todesfolge tatsächlich durch die radioaktiven Strahlen hervorgerufen wurden. Insbesondere ist auch noch nicht genau erforscht, wie sich niedrige Strahlungsdosen auswirken. Daher sei das ganz schwer abzuschätzen, sagt Katharina Schüller. Bei Krankheiten, die erst 20 oder 30 Jahre nach dem Reaktorunglück auftreten, ist es kaum noch möglich festzustellen, ob sie eine Folge der Katastrophe sind.

"Experten sind sich nicht einig, welche Erkrankungen tatsächlich als Folge der radioaktiven Verstrahlung gelten können."
Katharina Schüller. Statistikerin

Kurzfristige Auswirkungen von radioaktiver Strahlung

Eine kurzfristige Folge radioaktiver Strahlung ist die sogenannte Strahlenkrankheit. Dabei wird Gewebe – beispielsweise die Haut, verschiedene Organe oder das Knochenmark – geschädigt oder zerstört. Die Schwere der Krankheit hängt stark von der Dosis ab, sagt Statistikerin Katharina Schüller. Rund tausend Aufräumarbeiter erhielten innerhalb des ersten Tages starke Strahlendosen im Bereich von zwei bis 20 Sievert. Bei zwei Sievert sterben innerhalb von 30 Tagen 35 Prozent der Betroffenen. 20 Sievert sind wiederum innerhalb von drei bis sieben Tagen sicher tödlich.

Langfristige Erkrankungen

Zu den häufigsten langfristigen Folgen durch radioaktive Strahlung zählen Krebserkrankungen, dabei vor allem Schilddrüsenkrebs und Leukämie. Allerdings sind diese Folgen, die nach zehn bis 20 Jahren auftreten, nur statistisch abgesichert, sagt Katharina Schüller. Das heißt, es wurde ein Anstieg bei Krebserkrankungen beobachtet, der nicht zufällig sein kann.

Kinder, die radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren, haben wiederum ein erhöhtes Schilddrüsenkrebs-Risiko im jungen Erwachsenenalter. Auch für Leukämie und andere Krebsarten ist ein Zusammenhang umstritten. Allerdings erkranken Aufräumarbeiter, die einer Strahlendosis von 150-300 Millisievert ausgesetzt waren, doppelt so häufig an Leukämie.

Verschiedene Schätzungen zur Zahl der Toten in Tschernobyl

Das Tschernobyl-Forum, zu dem die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehören, hat vor 14 Jahren die wahrscheinliche Zahl der Opfer durch Langzeitfolgen auf 4000 Tote geschätzt. 56 Menschen seien ganz sicher gestorben.

Die setzen sich wie folgt zusammen:

- 47 von hunderttausenden Aufräumarbeitern sind bis zum Jahr 2004 nachweislich an Strahlenschäden gestorben, davon 31 unmittelbar zum Zeitpunkt des Unglücks

- Dazu kommen neun Kinder aus dem Reaktorumfeld, die an Schilddrüsenkrebs gestorben sind.

- Wählt man einen erweiterten Umkreis um das Kraftwerk herum, dann soll die Opferzahl bei 9000 Toten liegen.

Schätzungen von anderen Organisationen:

- Die Umweltschutzorganisation Greenpeace schätzt die Zahl der Toten infolge des Tschernobyl-Unglücks auf insgesamt 93.000.

- Kate Brown, Professorin am MIT, hält allein für die Ukraine bis zu 150.000 Tote für realistisch.

- Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) sagen, Tschernobyl habe 50.000 bis 100.000 Tote und bis zu 900.000 Invalide gefordert.

- 34.499 verstorbene Rettungshelfer verzeichnet die Ukrainische Kommission für Strahlenschutz. Diese Zahl hält Katharina Schüller allerdings für falsch, weil es in dieser Größenordnung in der Regel nicht so präzise Angaben gibt.