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Rettungssanitäter Marc Friedrich arbeitet in Cherson. Dort, sagt er, sprechen viele von einer "Human Safari": Russische Drohnen greifen gezielt Menschen an. Deshalb bringt er Kindern Erste Hilfe bei. Warum wird der Krieg gerade gefährlicher?

Ein achtjähriger Junge warnt Marc Friedrich und sein Team vor der Drohne. Sie sind gerade in der Region Donezk, um eine Familie zu evakuieren. Der Junge kommt angerannt und schreit immer wieder: „Drohne“. Alle flüchten ins Haus, schließen Türen und Fenster. Die FPV-Drohne fliegt schließlich weiter.

FPV steht für "First Person View". Die Soldaten, die diese Drohnen steuern, sehen auf einem Bildschirm live das Bild der Kamera an der Drohne. Sie können dadurch erkennen, wen oder was sie vor sich haben und gezielt darauf zufliegen.

Für Marc Friedrich zeigt diese Situation, wie sehr der Krieg inzwischen zum Alltag ukrainischer Kinder gehört. Friedrich ist Rettungssanitäter und seit 2022 immer wieder in der Ukraine. Für seine Hilfsorganisation Ambulance for Kids hat er seinen sicheren Job bei der Feuerwehr in Deutschland aufgegeben. Er evakuiert unter anderem schwer kranke Kinder aus dem Land.

Besonders gefährlich ist seine Arbeit in Cherson. Die Stadt liegt am Dnipro. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses befindet sich von Russland besetztes Gebiet. Von dort werden immer wieder kleine FPV-Drohnen gestartet.

Die russischen Drohnenpiloten können dabei auch unterscheiden, ob sie beispielsweise einen Soldaten, einen Gemüsehändler, Kinder oder andere Zivilisten vor sich sehen. Trotzdem würden in Cherson immer wieder bewusst Zivilisten angegriffen.

"Human-Safari bedeutet, na ja, das ist nichts anderes als eine Menschenjagd. Die russischen Drohnenoperator suchen sich gezielte Zivilisten aus, jagen die mit ihrer Drohne."
Marc Friedrich, deutscher Rettungssanitäter in der Ukraine

Friedrich sagt, auch Fahrzeuge humanitärer Organisationen könnten ins Visier geraten. Einen hundertprozentigen Schutz gebe es nicht. Deshalb nutzt sein Team unter anderem Scanner, die Signale von FPV-Drohnen erkennen können.

Der Krieg wird technologischer – und tödlicher

Auch in anderen Teilen der Ukraine haben die Angriffe zuletzt zugenommen. Deutschlandfunk-Korrespondent Thilko Gläßgen erlebt das in Kiew. Nachts warnt ihn eine App vor möglichen russischen Angriffen. Am nächsten Morgen rieche es in der Stadt teilweise noch nach verbrannten Gebäuden.

Dass gerade wieder mehr Menschen sterben, hat nach seiner Einschätzung mehrere Gründe. Einer davon ist eine veränderte russische Angriffstaktik. Früher habe Russland zunächst viele Drohnen geschickt, um die ukrainische Luftverteidigung zu überfordern, und anschließend Raketen eingesetzt. Inzwischen würden teilweise direkt Raketen abgefeuert.

Bei einem der jüngsten Angriffe sei keine einzige Rakete abgefangen worden. Der Ukraine fehlen nach Gläßgens Einschätzung vor allem geeignete Abwehrraketen. Besonders wichtig sind Patriot-Systeme, weil sie auch gegen ballistische Raketen eingesetzt werden können.

"Am vergangenen Angriff war es so, dass Russland wirklich direkt Raketen geschickt hat und die Abwehrquote der Ukraine bei null Prozent lag. Keine einzige abgewehrte Rakete."
Thilko Gläßgen, Deutschlandfunk-Korrespondent in der Ukraine

Gleichzeitig verändern günstige Drohnen den Krieg. Eine tödliche Drohne könne inzwischen schon rund 5.000 Euro kosten, sagt Gläßgen. Dadurch könne Russland mit vergleichsweise geringem Aufwand weit hinter der eigentlichen Front angreifen. Das trifft auch Zivilistinnen und Zivilisten.

Kinder lernen, massive Blutungen zu stoppen

Auf diese Gefahr will Marc Friedrich Kinder und Jugendliche vorbereiten. In seinen Kursen lernen sie, was sie bei schweren Verletzungen tun können – etwa nach Minenexplosionen, Schüssen oder Amputationen. Friedrich zeigt ihnen beispielsweise, wie sie starke Blutungen mit Verbandmaterial und Druck auf die Wunde stoppen können.

Dabei arbeitet er mit künstlichen Wunden aus Silikon. Fotos echter Verletzungen zeigt er den Kindern bewusst nicht. Viele von ihnen hätten in ihrem Leben bereits genug schlimme Dinge gesehen, sagt Friedrich. Trotzdem spricht er offen darüber, dass Erste Hilfe bei solchen Verletzungen für die Betroffenen schmerzhaft sein kann.

"In dem Moment, wo man das machen muss, ist dieser Mensch oder vielleicht auch man selbst so schwer verletzt, dass das die einzige Chance ist, zu überleben."
Marc Friedrich, deutscher Rettungssanitäter in der Ukraine

Dass Kinder solche Techniken überhaupt lernen müssen, zeigt für Thilko Gläßgen, wie stark der Krieg ihren Alltag verändert hat. Nicht nur in Cherson könne Erste Hilfe entscheidend sein. Auch in Kiew oder im Westen des Landes könnten Kinder plötzlich diejenigen sein, die nach einem Angriff als Erste helfen können.

Marc Friedrich will deshalb weitermachen – solange seine Arbeit notwendig ist. Dass der Krieg sehr schnell endet, hält er derzeit für wenig wahrscheinlich.

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

  • Unboxing News
  • Moderatorin: Ilka Knigge
  • Gesprächspartner: Marc Friedrich, deutscher Rettungssanitäter in der Ukraine
  • Gesprächspartner: Thilko Gläßgen, unser Korrespondent in der Ukraine