Die Energiepreise steigen rasant. Der Gedanke an die nächste Strom- oder Nebenkostenabrechnung kann dann schon mal Bauchschmerzen machen. Manche Gemeinden in Deutschland müssen sich um all das keine Sorgen machen: Sie gewinnen ihre eigene Energie.

Maximal einen Cent pro Kilowattstunde werden die Menschen in Großbardorf im nächsten Jahr wahrscheinlich mehr bezahlen müssen, so die Prognose. Die Diskussion um die steigenden Energiekosten betrifft die Gemeinde in Bayern so gut wie gar nicht. Denn: Die rund 1000 Menschen, die dort leben, versorgen sich zum Großteil selbst mit Energie. Sie sind ein unabhängiges Energiedorf wie einige weitere Gemeinden in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz auch.

Von den Menschen für die Menschen

Diese Energiedörfer haben gemeinsam, dass sie vor geraumer Zeit schon auf erneuerbare Energie gesetzt haben – und heute davon profitieren. Großbardorf ist vor mehr als 15 Jahren seinen ersten Schritt gegangen. Eine Solaranlage am Ortsrand hat 2005 den Anfang gemacht, an der sich viele der Menschen in Großbardorf beteiligt haben.

Betreiber sind die Menschen im Ort

Vier Jahre später haben die Einwohner*innen des Dorfes ihre eigene Energiegenossenschaft gegründet. Ihr Ziel war es, "die Bürger davon zu überzeugen, dass sie in ihr Dorf investieren, in ihre Region und dass wir regionale Kreisläufe schaffen", sagt Reinhold Behr. Er hat die Genossenschaft damals mit gegründet und sitzt im Vorstand.

Strom und Wärme

Neben dem Strom produziert die Gemeinde auch ihre eigene Wärme über eine Biogasanlage, die seit 2011 am Netz angeschlossen ist. Auch hier hat das Energiedorf wieder das Prinzip der regionalen Kreisläufe aufgegriffen. Denn: Die Biogasanlage versorgen die Landwirtinnen und Landwirte aus der Umgebung mit Pflanzen wie Mais.

Über die Biogasanlage kann die Gemeinde 70 bis 80 Prozent ihres Wärmebedarfs abdecken, erklärt Reinhold Behr. Ungefähr 150 Gebäude, darunter eine Schule, das Pfarrzentrum, der Kindergarten und das Rathaus sind an das Nahwärmenetz angeschlossen. Vom Gasmarkt ist der Ort daher komplett abgekoppelt und auf Öl setzen die Großbardorfer auch immer weniger.

"Wir brauchen kein Gas in Großbardorf. Öl wird auch immer weniger. Der größte Teil der Wärme wird mittlerweile über Biomasse erzeugt – dadurch sind wir autark."
Reinhold Behr, lebt in Großbardorf, hat dort die Energiegenossenschaft mit gegründet und sitzt im Vorstand

Fotovoltaik, Biogas, Windkraft

Mittlerweile gibt es in dem bayrischen Dorf auch einen Windpark, bestehend aus drei Windrädern. Die Anlagen aus Fotovoltaik, Biogas und Windkraft können zusammen sogar das Fünfzehnfache des Stroms erzeugen, den die Menschen vor Ort benötigen. Der Strom fließt ins reguläre Versorgungsnetz. Und die Mitglieder der Genossenschaft sind am Gewinn beteiligt. Das Geld bleibt also auch vor Ort.

Mehr autarke Gemeinden möglich

Großbardorf zeigt, was entstehen kann, wenn sich die Menschen vor Ort für ihre Gemeinde einsetzen. Was es dafür brauchte, waren einige wenige Menschen, die ihre Vorstellung mit Ausdauer und Mut umgesetzt haben. Besonders an Letzterem – am Mut – fehlt es aber oft, sagt Michael Sterner, Professor für Energiespeicher und Energiesysteme an der Technischen Hochschule Regensburg. Denkbar seien solche autarken Energiedörfer nämlich in vielen weiteren Gemeinden mit wenigen Einwohner*innen und Industrie wie in Großbardorf.

"Die Vision der energieautarken Dörfer wurde immer von Menschen betrieben, die daran glauben, aber die keine Pflicht dazu hatten."
Michael Sterner, Ostbayrische Technische Hochschule Regensburg

Kleine Gemeinden helfen Großstädten

In größeren Städten ist es schwieriger, so der Professor. Ihr Energiehunger sei in der Regel so hoch, dass sie nicht autark seien könnten und ihnen bliebe oft nur, Energie zu sparen.

In ländlichen Regionen könnten Großstädten allerdings die umliegenden Dörfer helfen – wie das Beispiel in Großbardorf zeigt. Konkret geht es um den Energieüberschuss, den solche Gemeinden erzeugen können. Michael Sterner bezieht sich auf eine Berechnung der Nürnberger Stadtwerke. Die habe gezeigt, dass sich die Stadt Nürnberg inklusive ihrer Industrie über die Dörfer im Umland selbst versorgen könnte. "Auf dem Land ist die Bevölkerungsdichte einfach nicht so hoch, deswegen kann man hier besser die Windkraftpotenziale erschließen, aber auch die Fotovoltaik", sagt er.

Das bedeutet: Die Gemeinden helfen den großen Städten mit der Energie aus, die sie gewinnen, aber selbst nicht verbrauchen, weil es einfach zu viel ist. Hier greift wieder das Prinzip einer regionalen Kreislaufwirtschaft.

Energiesparen in der akuten Krise

Für die aktuelle Energiekrise wird dieser Weg wahrscheinlich keine Lösung sein, weil dafür der Ausbau der erneuerbaren Energie zu schleppend verläuft. Die dezentrale Energiewende kann aber ein Teil der Lösung für mehr Klimaschutz sein. Dafür ist allerdings entscheidend "einfach mal den ersten Schritt zu machen", so Michael Sterner. Ähnlich wie die Menschen in Großbardorf damals.