Wieder wurde ein unbewaffneter Schwarzer in den USA von der Polizei erschossen. Die Meldungen reißen nicht ab. Die Ursachen liegen nicht allein bei der Polizei. Hier spiegelt sich ein gesellschaftlicher Rassismus wider, den die Amerikaner einfach nicht loswerden.

In der Nähe von San Diego: Berichten zufolge hatte eine Frau die Polizei gerufen. Ihr psychisch kranker Bruder sei verwirrt in der Stadt unterwegs. Zeugen berichteten der Mann stünde mitten im Straßenverkehr und sei "außer sich". Als er sich geweigert habe, die Hände aus den Taschen zu nehmen, eröffnete ein Polizist das Feuer. Auch dieser Fall wird untersucht. Es ist nicht der erste in diesem Jahr.

Ist es ein individuelles Problem der Polizei, der Polizeiausbildung, hervorgerufen durch laxen Umgang mit Waffen - oder liegt dahinter doch ein strukturelles, rassistisches Problem? Henning Riecke beschäftigt sich bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik genau mit diesen Themen. Er ist Leiter der Programmleiter der Transatlantische Beziehungen zu den USA.

"Da geben sich der individuelle Rassismus der Polizisten und der gesellschaftliche Rassismus die Hand."
Henning Riecke, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik

Im Grunde spielen hier mehrere Faktoren zusammen, meint er. Auch Weiße kommen in der Konfrontation mit der Polizei zu Tode. "Man muss aber verstehen, dass Schwarze öfter von der Polizei angehalten werden, untersucht werden, schneller für Drogenvergehen angeklagt werden, härter bestraft werden", so Henning Riecke.

Einerseits bestehe eine reale Gefahr für die Polizisten. Sie machen ihren Job in einem Land, in dem eine halbe Milliarde Handfeuerwaffen zur Verfügung stehen. "Es entschuldigt nicht jeden Übergriff. Auch nicht diese Wut. Es erklärt aber die Nervosität", ordnet der USA-Experte ein. Das bedeute aber auch: Es muss etwas passieren, damit das nicht so weiter geht – auf beiden Seiten.

Struktureller Rassismus drängt Schwarze an den Rand

Die Vorfälle spiegelten schließlich eine gesellschaftliche Realität in den USA wider. "Die Afro-Amerikaner sind eher sozial randständig. Sie leben eher in Gegenden, wo Kriminalität vorkommt," so Henning Riecke. Es sei für Afroamerikaner viel schwerer, in bessere Wohngegenden zu ziehen. Oder sich beruflich zu verbessern oder eine bessere Ausbildung oder Jobs zu bekommen.

Dieses Ungleichgewicht zeigt sich auch in der Statistik: 13 Prozent der amerikanischen Bevölkerung sind Afro-Amerikaner, ihr Anteil in amerikanischen Gefängnissen liegt indessen bei 57 Prozent. In der direkten Begegnung mit der Polizei, so Henning Riecke, haben weiße Verdächtige vermutliche eine größere Chance davonzukommen.

"Das ist eine Art von rassistischer Benachteiligung, die natürlich daran liegt, dass viele Schwarze sozial schwerer dran sind. Es liegt aber auch daran, dass die Strafverfolgungsbehörden hier härter zugreifen."
Henning Riecke, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik

Der öffentliche Druck reißt nicht ab: Proteste, Demonstrationen, beispielsweise von der Blacklivesmatter-Bewegung. Auch heute protestierten wieder Menschen. Für die Schwarzen in den USA sei es wichtig, dass die Polizisten stärker für diese Vergehen zur Verantwortung gezogen werden, sagt Henning Riecke. Ein wichtiges Signal sei, "dass sie das Gesetz auch mal auf ihrer Seite haben. Das ist in der Regel nicht so".

"Der kalte Rassismus der Rassentrennung ist heute viel subtiler und läuft anders ab. Aber er ist immer noch vorhanden - und er geht nicht so schnell weg."
Henning Riecke, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik

Der erste Schritt für ihn: Die Polizisten müssen ihre Stereotype ablegen und Situationen weniger schnell als gewalttätig einordnen. Der zweite Schritt, eine nachhaltige gesellschaftliche Veränderung, sei der erheblich größere: "Es ist ein Prozess, der wesentlich länger dauert und viel mehr Aufmerksamkeit braucht für alle Aspekte dieser Ungerechtigkeit".

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