In den meisten Umfragen liegt Joe Biden vor Donald Trump. Entschieden ist aber noch lange nichts. Viele US-Amerikaner glauben nämlich, dass im Oktober 2020 noch etwas Entscheidendes und Überraschendes passieren könnte – das sei oft so in dem Monat vor der Wahl. Stimmt das?

Der Begriff October Surprise, also Oktober-Überraschung, habe nichts mit dem Monat an sich zu tun, sondern einfach nur mit der Tatsache, dass es der Monat vor der Wahl ist, erklärt Jared Sonnicksen, Politikwissenschaftler an der TU Darmstadt.

Besondere Aufmerksamkeit

Schon seit 40, 50 Jahren werde der Begriff October Surprise verwendet. In diesem Monat könnten Ereignisse – etwa Skandale oder Eklats, die genau dann an die Öffentlichkeit kommen – einen besonders starken Einfluss auf die Wahl haben. Inwiefern sie dann Umfragen bestätigen oder auf den Kopf stellen, lasse sich vorher aber nicht prognostizieren.

"Was man nicht weiß: Bestätigen diese Überraschungen kurz vor den Wahlen eher die Tendenz des Wahlergebnisses oder haben sie tatsächlich einen Einfluss in Richtung Änderung?"
Jared Sonnicksen, Politikwissenschaftler an der TU Darmstadt

Beispiele für den October Surprise gebe es einige, so Sonnicksen: Im Oktober 1972, kurz vor der Wahl, habe der damals amtierende US-Präsident Nixon etwa den Friedensdurchbruch in Vietnam verkünden lassen – der so nicht eintrat, wie wir heute wissen.

Clintons E-Mail-Affäre 2016

Ein aktuelleres Beispiel sei der E-Mail-Skandal rund um Hillary Clinton beim Präsidentschaftswahlkampf 2016. Diese Affäre hatte der Kandidat der Republikaner, Donald Trump, für scharfe Attacken auf seine Herausforderin genutzt. Der Skandal um Donald Trumps verbale Entgleisung "Grab her by the pussy", die zeitlich ein paar Jahre zurücklag, hatte dagegen offenbar keinen entscheidenden Einfluss auf den Wahlausgang.

Bewusstes Timing

Dass bestimmte Geschichten nur rein zufällig im Oktober an die Oberfläche kommen, glaubt Jared Sonnicksen nicht. Der Politikwissenschaftler geht davon aus, dass sie in bestimmten Fällen von den jeweiligen Wahlkampfteams strategisch so geplant werden.

"Ich denke, dass es durchaus der Fall sein kann, dass bestimmte Skandale von der Gegenseite bewusst auf den Oktober getimet werden."
Jared Sonnicksen, Politikwissenschaftler an der TU Darmstadt

Donald Trump könne auf den Oktober auf jeden Fall noch hoffen, sagt Jared Sonnicksen. Die Frage sei nur, ob er klug beraten sei, darauf zu setzen.

Trump könnte Glück haben

Es könne allerdings noch viel passieren und der amtierende Präsident könne Glück haben – etwa, wenn es bis dahin einen Durchbruch mit dem Corona-Impfstoff gibt oder sich die Wirtschaft erholt. Erst bei der letzten Wahl 2016 habe sich gezeigt, dass sich der (vermutete) Ausgang einer solchen innerhalb kürzester Zeit ändern kann.

"Trump verschärft die Konflikte, die es gerade in den USA gibt, eher noch."
Jared Sonnicksen, Politikwissenschaftler an der TU Darmstadt

Er habe allerdings nicht den Eindruck, so der Politikwissenschaftler, dass Donald Trump gerade positiv dazu beiträgt, die vielen Konflikte, die es im Land gibt, zu lösen. Eher im Gegenteil.