Mehr als sechs von zehn Deutschen würden ihre Stimme für Joe Biden abgeben, wenn sie in den USA wählen dürften: So das Ergebnis einer Umfrage des Forschungsinstituts Ipsos. Nur jeder Zehnte favorisiert Amtsinhaber Donald Trump. In den meisten anderen der insgesamt 24 untersuchten Länder sieht es ähnlich aus. Warum das so ist, erklären der Historiker Ludovic Roy und Wirtschaftsexperte Matthias Kruse.

Kurz vor der US-Wahl am 3. November 2020 haben in etwa schon so viele US-Amerikaner ihre Stimme per Briefwahl abgegeben wie Deutschland Einwohner hat. Weltweit wird mit großer Spannung auf den Wahltag und das Ergebnis geschaut.

Donald Trump prägt das Oberste Gericht

Nicht nur für die Europäische Union, auch für Deutschland hängt politisch wie wirtschaftlich viel vom Wahlausgang ab: Wird das deutsch-amerikanische Verhältnis zu jener Harmonie zurückkehren, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang bestanden hat? Oder wird man sich diesseits des Atlantiks auch weiterhin verblüfft die Augen reiben, weil der "Spalter" Donald Trump Politikerinnen und Poliker wie Konzernleitungen je nach Tageslaune offen brüskiert?

Für den Historiker Ludovic Roy ist das Merkmal "Spaltung" kein Zufall, sondern die bewährte Erfolgsstrategie des US-Präsidenten.

"Was bei Trump das Hervorstechendste ist: Er hat durch Spaltung gewonnen, deswegen spaltet er weiter."
Ludovic Roy, Historiker

Hinzu komme außerdem unglaubliches Glück, so der Historiker. Donald Trump sei in seiner Amtszeit in der beispiellosen Lage gewesen, die Justiz in seinem Sinne zu beeinflussen. In noch nicht einmal vier Jahren waren drei Richterstellen am Obersten Gericht neu zu besetzen.

Diese Tatsache führte laut Ludovic Roy zu der bemerkenswertesten Handlung seiner Amtszeit überhaupt. Da die Richter durch die Bank noch recht jung sind, sei die Rechtsprechung Amerikas nun für viele Jahre einzementiert. Ein Umstand, der Joe Biden, sollte er das Rennen machen, das Regieren gehörig erschweren dürfte.

Die Wirtschaft wünscht sich Verlässlichkeit

Der Wirtschaftsexperte Matthias Kruse wünscht sich nichts mehr als eine "neue Verlässlichkeit" in den bilateralen Handelsbeziehungen. Deutschland habe vergleichsweise wenig Rohstoffe und sei deshalb dringend auf Importe aus den USA angewiesen. Andererseits kann Deutschland Know-how exportieren. Doch unter Donald Trump seien die vergangenen vier Jahre schwierig gewesen.

"Er regiert sehr erratisch. Eine Verlässlichkeit, die für Unternehmen sehr wichtig ist, die ist bei Trump nicht zu erkennen."
Matthias Kruse, IHK Rhein-Neckar

Selbst der 3. November wird noch keine absolute Gewissheit bringen. Donald Trump bleibt bis zum 20. Januar 2021 US-Präsident. Und zwar nicht nur geschäftsführend, sondern ausgestattet mit allen Rechten und Pflichten.

Selbst wenn der Demokrat Joe Biden gewinnt, könnte Donald Trump bis zur Amtsübergabe noch viel Grundlegendes entscheiden. Und genau das trauen ihm im Grunde alle zu.

Ludovic Roy ist Historiker und lehrt unter anderem an der Mannheimer Abendakademie. Der Wirtschaftsexperte Matthias Kruse ist einer der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar und zuständig für internationale Beziehungen. Beide haben auf der Veranstaltung zur US-Wahl am 19. Oktober 2020 zunächst einen Impulsvortrag gehalten und danach mit dem Publikum Fragen der deutsch-amerikanischen Beziehungen diskutiert. Der Abend war Teil der Veranstaltungsreihe "Im Stadtgespräch" der Mannheimer Abendakademie und der Tageszeitung Mannheimer Morgen.