Der US-amerikanische Wahlkampf ist nicht sonderlich konstruktiv ausgerichtet - beide Kandidaten starten Angriffe. Trump ist dabei am ehesten mit seinem Patriotismus verwundbar. Biden gibt sich als Mann mit Anstand. Doch Kampagnen dürften jetzt sowieso nicht mehr wirken.

Anfälliger für einen Angriff im Wahlkampfendspurt sei "definitiv Joe Biden", sagt der Politikwissenschaftler und Rhetorikexperte Moritz Kirchner. Denn zum einen binde er deutlich mehr Wechselwählerinnen und Wechselwähler. Und zum anderen sei seine Kampagne darauf ausgelegt, sein Image des anständigen Saubermanns zu verfestigen, der die unmoralischen Praktiken seines Vorgängers beendet.

Geschäfte von Hunter Biden

Genau dieses Image versucht Donald Trump seit geraumer Zeit zu zerstören: Unter anderem im letzten TV-Duell hat er die Geschäftspraktiken von Joe Bidens Sohn Hunter unter Beschuss genommen und behauptet, der Präsidentschaftskandidat der Demokraten habe auf diese Weise ebenfalls mitverdient.

Wenn Joe Biden hier Fehler gemacht hat und diese ihm nachgewiesen werden können, wäre das kurz vor der Wahl ein Problem für den ehemaligen Vizepräsidenten. Bis jetzt konnte ihm nichts nachgewiesen werden.

"Der große Vorteil von Trump: Die Erwartungen an ihn sind sowieso sehr gering."
Moritz Kirchner, Politikwissenschaftler und Rhetorikexperte

Die Erwartungen an den Amtsinhaber seien ohnehin sehr gering, sagt Moritz Kirchner. Das sei sein Vorteil. Die Umgangsformen des Präsidenten sind hinlänglich bekannt. Die Achillesferse von Donald Trump sei vielmehr das Konto, das er in China hat. Der Präsident inszeniere sich als Patriot, hat aber laut Recherchen der New York Times offenbar mehr Steuern in China gezahlt als in den USA.

"Die Achillesferse Trumps ist nicht sein menschlicher Anstand, sondern sein Patriotismus."
Moritz Kirchner, Politikwissenschaftler und Rhetorikexperte

Häufig bauen Wahlkampagnen auf einer brisanten Enthüllung auf, etwa auf geheimen Mails wie 2016 bei der E-Mail-Affäre um Hillary Clinton. Für derartige Enthüllungen werde die Zeit jetzt aber äußerst knapp, sagt Moritz Kirchner. Damit sie wirken können, hätte man sie früher starten müssen.

Hohe Wahlbeteiligung schon jetzt

Die Wahlbeteiligung ist schon jetzt sehr hoch. Die amerikanische Gesellschaft sei hochgradig polarisiert und viele Leute wüssten bereits, wen sie wählen, sagt der Politikwissenschaftler. Es werde nicht mehr viel passieren, der allergrößte Teil sei bereits entschieden.

"Joe Biden wird die Wahl gewinnen. Die Frage ist nur, ob Trump das akzeptieren wird. Das ist ein absoluter Präzedenzfall, der das politische System der USA an seine Grenzen bringt."
Moritz Kirchner, Politikwissenschaftler und Rhetorikexperte

Joe Biden wird die Wahl gewinnen, legt sich Moritz Kirchner fest. Die Frage sei aber nicht, was nächsten Dienstag passiert, sondern was nächsten Mittwoch passiert: Wer werde dem Amtsinhaber sagen, dass er das Weiße Haus jetzt zu verlassen hat? Kirchner spricht von einem Präzedenzfall, der das politische System der USA an seine Grenzen bringt. Er geht davon aus, dass Trumps Anhänger auf die Straße gehen und es zu Gewalt kommen wird.