Donald Trump setzt in seinem Wahlkampf auf die weißen, christlichen Nationalisten. Zu dieser Gruppe gehören die Evangelikalen. Diese Religionsgemeinschaft ist in den letzten Jahren kleiner geworden, trotzdem ist ihr Einfluss auf die Politik überproportional groß.

Seit 2007 ist der Anteil der Evangelikalen in der US-Bevölkerung von etwa 26 auf etwa 19 Prozent gesunken, sagt Michael Hochgeschwender, Professor für nordamerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

"19 Prozent Evangelikale ist immer noch ein erheblicher Anteil an der amerikanischen Bevölkerung."
Michael Hochgeschwender, Professor für nordamerikanische Kulturgeschichte an der LMU in München

Statistisch zu erfassen, viele Evangelikale es genau gibt, sei schwierig, weil "evangelikal" keine Selbstbezeichnung sei. In Umfragen geben die Menschen nicht an, ob sie evangelikal sind oder nicht, sondern es gibt andere Begriffe, mit denen sie sich identifiziert, sagt Michael Hochgeschwender.

Deshalb gibt es für diese Religionsgemeinschaft nur Schätzungen. Die liegen derzeit bei 40 Millionen Mitgliedern.

Evangelikale sind gut zu mobilisieren

Trotz der schwindenden Zahl an Evangelikalen haben sie immer noch einen überproportional großen Einfluss auf die Politik und die Gesellschaft. Sie haben bestimmte Themen, für die sie sich leicht mobilisieren lassen wie die Abtreibungsfrage. Diese Frage verbindet die Evangelikalen auch mit konservativen Katholiken, sagt Michael Hochgeschwender. Sie lehnen die derzeitige Abtreibungsregelung in den USA ab.

Das war nicht immer so. 1973 waren sie noch für die Regelung der freien Entscheidung, weil sie glaubten, dass sich die Frauen immer gegen eine Abtreibung aussprechen. Als die Abtreibungszahlen stiegen, haben sich die Evangelikalen der katholischen Kirche in der Frage angeschlossen.

Ein weiteres Thema ist die Ablehnung der homosexuellen Ehe, obwohl es bereits Evangelikale gebe, die sich mit der gleichgeschlechtlichen Ehe abgefunden hätten.

"Die Evangelikalen haben ganz bestimmte Punkte, bei denen sie erwarten, dass der Präsident liefert."
Michael Hochgeschwender, Professor für nordamerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München

Laut Aussage des amerikanischen Soziologe Philip Gorski stimmen 80 bis 90 Prozent der Evangelikalen für Donald Trump.

Seit Amtsantritt hat er auch schon geliefert, zum Beispiel durch die Ernennung zweier konservativer Richter am Supreme Court, sagt Michael Hochgeschwender. "Das war ein zentrales Anliegen der Evangelikalen." Mit dieser Entscheidung habe sich Donald Trump im Wesentlichen die Gefolgschaft der Evangelikalen gesichert.

"Eins ist klar: Für das Gros der Evangelikalen ist es absolut unmöglich, einen Demokraten zu wählen."
Michael Hochgeschwender, Professor für nordamerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München

Michael Hochgeschwender zweifelt daran, dass sich diese 80- bis 90-prozentige Zustimmung unter den Evangelikalen für Donald Trump auf die gesamte Religionsgemeinschaft beziehen lässt. Er geht davon aus, dass diese Angabe nur den "harten Kern der Evangelikalen" betrifft. "Und der bröckelt auch ein wenig."

Einige Evangelikale zweifeln an Trumps Eignung

Michael Hochgeschwender begründet das damit, dass es einen erheblichen Teil gebe, der sich als "conservative mainstream" bezeichnet.

Bei diesem Teil der Evangelikalen könne man nicht sicher sein, ob sie Trump noch einmal wählen oder ob sie sich eher der Wahl enthalten werden - "weil viele sagen: Donald Trump ist charakterlich ungeeignet".

Religionsgemeinschaft ist heterogen

Die Evangelikalen sind eine heterogene Gruppe, die nach außen kompakt wirkt, sagt Michael Hochgeschwender. Das liege vor allem an den evangelikalen Sprechern. Ansonsten geht das Spektrum innerhalb der Evangelikalen von rechts nach links, von politisch bis apolitisch, von fundamentalistisch bis pfingstchristlich. Zusammengefasst könne man nicht von der einen evangelikalen Kirche sprechen.

"Es ist ganz schwer, die Evangelikalen auf einen Nenner zu bringen."
Michael Hochgeschwender, Professor für nordamerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München

Grundsätzlich sind Evangelikale an eine Ortskirche gebunden, die nicht notwendigerweise einer übergeordneten Kirche angehört. Manche Gemeinden bestehen auch nur aus ihren Fernsehzuschauern. Die Prediger kommen entweder in die Gemeinden, oder werden per Telefon oder Video zugeschaltet.

Das Wort evangelikal kommt von evangelisch. Evangelikal ist eine Religion, die in einer bestimmten evangelischen reformatorischen Tradition steht, die vornehmlich auf den calvinistischen Protestantismus zurückgeht.

Daneben gibt es aber auch lutherische Evangelikale. "Es gibt inzwischen sogar evangelikale Katholiken", sagt Michael Hochgeschwender. Und: Links-Evangelikale, die sich eher an der Befreiungstheologie orientieren. In dieser Gruppe sind mehrheitlich Black People of Color.

Missionare nach Brasilien

Verbreitet sind die Evangelikalen vor allem in den USA und Großbritannien. Durch Missionare, die vor allem von US-amerikanischen Unternehmen nach Brasilien geschickt wurden, sind dort einflussreiche Gemeinden entstanden. Jair Bolsonaro, der brasilianische Staatspräsident, ist selbst Evangelikaler.

Das Zentrale am Evangelikalismus sei: Die besondere Bedeutung der Bibel als das Wort Gottes - nicht zu verwechseln mit einer fundamentalistischen Position, wo man alles strikt wörtlich nehmen muss.

"Der Fundamentalismus ist ein Spezialfall des Evangelikalismus."
Michael Hochgeschwender, Professor für nordamerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München

Evangelikale glauben im Grunde das, was man in der Reformationszeit geglaubt hat wie an die zentrale Stellung Jesu Christi als persönlicher Retter und Erlöser. Dieser persönliche Aspekt und das Enthusiastische, das zum Teil mit fiebriger Endzeiterwartung verbundene, apokalyptische Denken ist Merkmal der Evangelikalen, sagt Michael Hochgeschwender.