Wie stark unser Immunsystem ist, hängt offenbar auch damit zusammen, wie wir auf die Welt gekommen sind: vaginal oder per Kaiserschnitt. Die Art der Geburt und unsere Darmflora stehen laut einer neuen Studie in Verbindung.

Schwangere werden es wahrscheinlich kennen: Beim Thema Kinderkriegen haben viele Menschen viele unterschiedliche Meinungen darüber, was angeblich das Beste für das Kind ist. Das fängt schon bei der Geburt an.

Natürlich sollten alle selbst entscheiden, welcher Weg sich für sie am besten anfühlt. Eine Studie von Forschenden aus den Niederlanden kommt jetzt zu Erkenntnissen, die als Orientierung dienen könnten. Ihre Studie liefert neue Hinweise darauf, dass eine vaginale Geburt, die oft auch natürliche Geburt genannt wird, Vorteile für das Baby hat. In der Studie zeigte sich, dass das Immunsystem von Babys, die vaginal geboren wurden, stärker war als von Babys, die per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen sind.

Immunreaktion bei vaginaler Geburt stärker

Dafür haben die Forschenden bei 120 Kindern untersucht, wie ihre Immunantwort nach einer Impfung ausgefallen ist. Die Babys wurden wenige Wochen nach ihrer Geburt gegen Pneumokokken und Meningokokken geimpft. Das sind Bakterien, die Lungeninfektionen und Gehirnhautentzündungen auslösen können. Im Anschluss haben die Mediziner*innen in zwei Zeitabständen – ein Jahr und anderthalb Jahre – überprüft, wie stark das Immunsystem der Kinder auf die Impfungen reagiert hat.

Die Babys, die vaginal geboren wurden, hatten durchschnittlich doppelt so viele Antikörper wie die Kinder, die per Kaiserschnitt geboren wurden. Die Antikörper-Analyse konnten die Forschenden mithilfe von Speicheltests durchführen. Ein Bluttest wäre zwar die genauste Form der Antikörper-Analyse. Die Mediziner*innen haben sich in diesem Fall aber dagegen entschieden, weil eine Blutabnahme für Babys teilweise unangenehm oder sogar schmerzhaft ist, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Aglaia Dane.

Immunsystem und Darmflora

Die Studienautor*innen sehen hier eine Verbindung zwischen der Immunantwort der Babys und ihrer Darmflora. Konkret geht es um das Mikrobiom. Das ist die Gemeinschaft der Bakterien im Darm. Hier haben die Forschenden einen Unterschied festgestellt. Danach hängen Geburtsform und die Anzahl bestimmter Bakterien im Darm zusammen – und damit auch die Immunreaktion nach der Impfung. Wie genau die Geburtsform das Mikrobiom der Kinder beeinflusst, ist noch unklar.

"Es gibt einen klaren Hinweis darauf, dass die Immunantwort etwas mit der Darmflora der Babys zu tun hat."
Aglaia Dane, Deutschlandfunk Nova

Bei vaginaler Geburt mehr Bakterienkontakt

Eine gängige Annahme in der Medizin ist: Bei einer vaginalen Geburt kommen Babys mehr mit Bakterien in Kontakt als bei einem Kaiserschnitt, der eher steril abläuft. Manche Mediziner*innen empfehlen daher, Babys nach dem Kaiserschnitt mit Bakterien aus der Vagina der Gebärenden in Kontakt zu bringen. Wie viel das letztlich bringt, muss noch untersucht werden. Tatsächlich gibt es schon Forschungsteams, die sich mit Therapien beschäftigen, wo es darum geht, dass Babys nach einem Kaiserschnitt eine Art Immunsystem-Booster bekommen.

"Das heißt aber nicht, dass man den Kaiserschnitt schlecht reden muss – der rettet schließlich auch Leben und es gibt Gründe, sich dafür zu entscheiden."
Aglaia Dane, Deutschlandfunk Nova

Denn: Wie stark die Immunreaktion ist, hängt auch von anderen Faktoren als der Geburt ab. In der Studie wurde zum Beispiel deutlich, dass Stillen die Immunreaktion positiv beeinflusst.

Was außerdem wichtig ist: In der Studie stellte sich zwar heraus, dass das Immunsystem der Kinder, die per Kaiserschnitt geboren wurden, weniger stark war. Die Forschenden haben allerdings nicht untersucht, ob das dazu führt, dass die Kinder deswegen häufiger krank werden.

Shownotes
Vaginal oder Kaiserschnitt
Die Art der Geburt kann unser Immunsystem beeinflussen
vom 16. November 2022
Moderation: 
Anke van de Weyer
Gesprächspartnerin: 
Aglaia Dane, Deutschlandfunk Nova