Während sich die Grammatik seit 200 Jahren kaum verändert hat, ist unser Wortschatz permanent im Wandel und am Wachsen. Erweiterungen durch Anglizismen wie "liken" können dabei auch eine wichtige Bereicherung sein, sagt der Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Wolfgang Klein.

Die Anzahl der Wörter, die wir in unserem alltäglichen Sprachgebrauch nutzen, hat sich in den vergangenen hundert Jahren enorm vergrößert. Um genau zu sein, ist sie um ein Drittel angestiegen. Und sie wächst immer schneller. Das sagt der ehemalige Psycholinguistiker und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Wolfgang Klein, der diese Entwicklung mit seinem Team untersucht hat.

"In den letzten hundert Jahren hat sich der Wortschatz, der tatsächlich verwendet wird, um fast ein Drittel vergrößert, das ist schon gigantisch."
Wolfgang Klein, Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

Dass sich unser Wortschatz vor allem in den vergangenen hundert Jahren so schnell vergrößert hat, liegt auch daran, dass in unserer schnell wandelnden Zeit ein immer größeres Ausdrucksbedürfnis herrscht, erklärt Wolfgang Klein.

Historische Entwicklungen erweitern den Wortschatz

Dieses Bedürfnis herrscht beispielsweise, wenn technische Neuheiten wie die Erfindung des Automobils aufkommen. Denn durch sie werden bestimmte Wörter wie tanken oder Vergaser eingeführt, die davor nicht gebraucht wurden, weil es ja keine Autos gab, erzählt Wolfgang Klein.

Und auch Ereignisse wie die Corona-Pandemie lassen alte oder bisher selten benutze Wörter in den alltäglichen Sprachgebrauch fließen. Im digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache in Berlin gibt es mittlerweile ein eigenes Themenglossar, erzählt Wolfgang Klein, das sich nur mit Wörtern der Corona-Pandemie beschäftigt. Sehr viele Leute hätten daran Interesse und es sei sehr interessant zu sehen, wie alte, lange unbenutzte Wörter durch die Pandemie wieder aufgetaucht seien.

Besondere Worte kommen und gehen

Wolfgang Klein geht aber auch davon aus, dass viele dieser Wörter mit dem Ende der Corona-Pandemie wieder verschwänden. Ein Beispiel dafür sei das Wort "Abwrackprämie". Das Wort wurde zwei bis drei Jahre lang sehr viel genutzt, mittlerweile ist es allerdings kaum noch im alltäglichen Sprachgebrauch anzutreffen.

Das Dilemma mit den Anglizismen

Auch die Erfindung des Internets spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Wortschatzes. Wolfgang Klein beobachtet eine zunehmende Vermischung unserer Sprache mit neu hinzugekommenen Anglizismen. Diese könnten teilweise wichtige Bereicherungen darstellen. Ein Beispiel für eine Bereicherung des Wortschatzes durch einen Anglizismus sieht Wolfgang Klein in dem Wort "liken". Für den gesamten Vorgang, auf einen blauen Daumen oder ein rotes Herz zu klicken, gibt es in der deutschen Sprache kein Pendant.

"Das Internet spielt eine große Rolle und der Wortschatz bereichert sich dadurch."
Wolfgang Klein, Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

Was Wolfgang Klein dagegen nicht als Bereicherung ansehen kann, sind deutsche Wörter, die durch englische Wörter ersetzt werden, obwohl sie eigentlich alles ausdrückten. Beispielsweise werde es im Fußball zunehmend den Begriff "Assists" verwendet, anstatt dem deutschen Wort "Vorlagen".

"Auf der anderen Seite geht es mir wirklich auf die Nerven, dass solche Anglizismen auf einmal auch andere Wörter verdrängen, die eigentlich ganz vernünftig sind."
Wolfgang Klein, Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

Früher war alles besser – oder nicht?

Die Tendenz, an etwas Altem festzuhalten, die gebe es schon immer, sagt Wolfgang Klein. Nicht nur große berühmte Dichter und Denker würden sich über Veränderungen in der Sprache aufregen, sondern viele Menschen.

"Diese Tendenz, an dem festzuhalten, was immer schon war, einfach nur deshalb, weil es schon so war, die gibt es sehr sehr lange."
Wolfgang Klein, Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

Wolfgang Klein vermutet, dass dies daran liegt, dass uns bereits in der Schule immer eine gewisse sprachliche Norm vorgebetet wurde. Viele dieser Normen seien aber in sich gar nicht begründet und würden nur weiterhin benutzt werden, weil es eben schon immer so war. Deshalb plädiert er dafür, bei jeder Neuerung immer wieder aufs Neue zu überlegen, ob sie eine Bereicherung sein kann oder eben nicht.