In der Startup-Szene beginnt ein Prozess des Umdenkens: Immer häufiger lassen sich Unternehmerinnen und Unternehmer von Nachhaltigkeit, sozialem Engagement und Verantwortung leiten – statt von der Steigerung des Profits. Damit dieser Impuls Zukunft hat, fordert die Stiftung Verantwortungseigentum eine neue Version der GmbH.

Christian Sigmund ist CEO des Startups Wildplastic. Das Unternehmen sammelt Plastik in Ländern ohne Recyclingsysteme und macht daraus Müllbeutel. Das festgeschriebene Ziel des Unternehmens: Die Welt vom Plastik zu befreien. Wildplastic geht es also weniger ums Geld als um die Sache. Das Maxime des Unternehmen lautet: immer nachhaltig wirtschaften, egal was passiert.

Um zu verhindern, dass das Startup irgendwann einmal umstrukturiert oder aufgekauft wird, hat CEO Christian Sigmund lange nach einer Lösung gesucht. Gefunden hat er sie in einem Grundprinzip, das er so formuliert: Verantwortungseigentum statt Vermögenseigentum.

Wirtschaften für den guten Zweck

Christian Sigmund ging es dabei um die Fragen "Wem gehört die Firma eigentlich? Und wofür arbeitet das Unternehmen?", erzählt er. Denn klar: Eigentümerinnen und Eigentümer bestimmen, wo es lang geht, wohin das Geld fließt und wann ein Unternehmen verkauft wird. Sie bestimmen also die Unternehmenskultur, die im Fall von Wildplastic so aussehen soll:

  • Das Sagen haben nur Menschen, die im Unternehmen aktiv und ihm verbunden sind, also nicht automatisch die Investorinnen oder Erben.
  • Der Unternehmenszweck ist fix.
  • Gewinne werden nicht an die Eigentümmerinnern und Eigentümer ausgeschüttet, sondern werden in das Unternehmen und dessen Zweck investiert.

Welche Rechte und Pflichten Eigentümerinnen und Eigentümer haben, wird in Rechtsformen wie GmbHs oder Stiftungen festgelegt. Vieles kann man zwar mit den bereits bestehenden Rechtsformen klären, was aber fehlt, ist ein einfaches Model, das Selbstbestimmung und Vermögensbildung direkt und unveränderlich festlegt.

Ein Model, das auch auf Kritik stößt

Deshalb hat die Stiftung Verantwortungseigentum einen Vorschlag für eine neue Rechtsform vorgelegt, die sie aktuell "Gesellschaft mit gebundenem Vermögen mbH" nennt, oft auch noch zu finden unter den Bezeichnungen "VE-GmbH" und "GmbH/Gesellschaft in Verantwortungseigentum". Unterstützt wird sie dabei von mehr als 600 Unternehmerinnen und Unternehmern, auch von Christian Sigmund von Wildplastic.

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Manche Juristen und Juristinnen wie Birgit Weitemeyer sehen dieses Model kritisch. Sie ist Direktorin des Instituts für Stiftungsrecht und Recht der Non-Profit-Organisationen an der Bucerius Law School in Hamburg. Ihrer Meinung nach könne das festgehaltene Verbot der Gewinnausschüttung durch diverse Verträge umgangen werden. Zudem sehe das Model nicht explizit vor, dass Produkte besonders umweltbewusst oder fair produziert werden sollten. Eine Kontrolle fehle ebenfalls.

"Es geht ihnen nur um dieses in Ewigkeit festgehaltene Gewinnausschüttungsverbot. Und auch das kann leicht umgangen werden, indem man mit seiner eigenen Gesellschaft vielfältige Verträge abschließt."
Birgit Weitemeyer, Direktorin des Instituts für Stiftungsrecht und Recht der Non-Profit-Organisationen

Stattdessen gebe es ihrer Meinung nach im vorhandenen Recht bereits alle Möglichkeiten, um Verantwortungseigentum abzusichern, sagt Birgit Weitemeyer - GmbHs, gemeinnützige GmbHs, Stiftungen und Genossenschaften.

Alte Idee, neue Form

Tatsächlich gibt es schon lange verschiedene Versionen von Verantwortungseigentum. Manche Familienunternehmen leben es schon allein aufgrund ihrer traditionellen Unternehmenskultur. Und auch große Unternehmen wie Zeiss und Bosch haben Verantwortungseigentum mit der Hilfe von komplizierten Stiftungskonstruktionen rechtlich fixiert.

Startups können sich diese komplizierten Prozesse jedoch nicht immer leisten. Auch Wildplastic konnte zwar durch einen Kniff im GmbH-Recht seine Wünsche unveränderlich festlegen, dazu hat es aber viel Beratung und Unterstützung in Anspruch nehmen müssen. Und damit wird es nicht das einzige Unternehmen sein. Der Wandel und damit das Bedürfnis nach einer eigenen Rechtsform ist da, merkt Christian Sigmund.

"Also ich merke einen total großen Wandel, um ehrlich zu sein. Wenn wir mal zwei, drei Jahre zurück gucken, dann war es eigentlich unvorstellbar, sich so eine Dynamik vorzustellen."
Christian Sigmund, CEO von Wildplastic