Vergessen ist nützlich: Wer nicht vergisst, kann sich an neue Dinge auch nicht erinnern. Und schlimme Erlebnisse aus der Vergangenheit vergisst man am besten sowieso.

Ein Beispiel: Wir fragen nach dem Weg, der Ortskundige beschreibt ihn uns. Doch dann fällt ihm ein, dass eine Straße gesperrt ist und die bisherige Wegbeschreibung nicht zum Ziel führt. Kurz danach entwickelt er eine Alternativroute, die er uns wiederum mitteilt. Problem? Wir können uns die neue Route nur merken, wenn wir ganz schnell die erste Wegbeschreibung vergessen. Sinnvolles Vergessen also.

In extremer Form kann das Nicht-Vergessen dazu führen, kein normales Leben führen zu können. Kim Peek, ein 2009 verstorbener US-Amerikaner und Inselbegabter, kannte den Inhalt von 12.000 Büchern auswendig - Wort für Wort. Doch im Alltag kam er nicht gut zurecht, all die Informationen belasteten ihn.

Vergessen und erinnern - je nach Kontext

Was wir wie schnell vergessen, ist stark vom Kontext abhängig, sagt Oliver Kliegl, Psychologe an der Universität Regensburg. Wer an einem sonnigen Tag im Park für eine Klausur lernt, diese aber an einem Tag stattfindet, an dem es regnet und kalt ist, kann sich vielleicht genau deshalb nicht gut an das Gelernte erinnern - einfach, weil das Wetter anders ist, ein anderer Kontext also. Kliegl plädiert deshalb dafür, an anderen Orten und zu unterschiedlichen Tageszeiten zu lernen. So könne man dem kontextabhängigen Vergessen entgegenwirken.

Wer bewusst vergessen will, zum Beispiel bei Liebeskummer, der sollte möglichst alle "Reminder" eliminieren, also Gegenstände und Immaterielles, das an den Ex-Partner erinnert. Man könnte diese Dinge auch mit Neuem verknüpfen - ein spezielles Fotoalbum zum Beispiel mit neuen Fotos füllen.

Diese Reminder, die Schlüsselreize, können mitunter dazu führen, dass man sich an Dinge erinnert, von denen man nicht mehr wusste, dass man sie überhaupt noch weiß - eine alte Telefonnummer zum Beispiel. Oliver Kliegl sagt: Das Gehirn vergisst so gut wie nichts, nur die Verlinkung zu alten Informationen fehlt. Er geht sogar davon aus, dass das Gehirn eine nahezu unbegrenzte Speicherkapazität hat.