Es ist Brutzeit, viele Wildtiere bekommen gerade Nachwuchs. Enten suchen für ihren Nistplatz gerne höher gelegene Orte. In der Stadt kann das auch mal der Balkon oder die Terrasse sein. Liegt die hoch oben und die Küken schlüpfen, sollte schnell gehandelt werden.

Als Roman und seine Mitbewohner Mitte April auf der Dachterrasse ihrer Mainzer WG sitzen, machen sie dort einen ungewöhnlichen Fund: In einem der Blumenkübel liegen zwölf Eier. Woher die wohl kommen, fragt sich die WG. Ihre Wohnung liegt mitten in der Stadt – auf der fünften Etage.

Enteneier auf der Dachterrasse

Also suchen sie im Internet nach Antworten und sind sich im Anschluss ziemlich sicher, dass die Eier in ihrem Blumenkübel von einer Ente kommen müssen. Von der Farbe und Größe der Eier passt das, sagt Roman. Sie sollten recht behalten: Wenig später kommt auch die Mutterente dazu und war von dort an ein regelmäßiger Gast auf ihrer Dachterrasse.

Christian Henkes, Nabu-Vorsitzender für Mainz und Umgebung, kennt das. In der Brutzeit erreichen ihn mehrmals am Tag Anrufe mit Fällen wie der von Romans WG. Höher gelegene Terrassen oder Balkone sind für Enten ein guter Brutplatz, erklärt der Experte vom Nabu, weil sie ihre Eier dort vor Fressfeinden schützen können. Besonders gerne suchen sie sich Brutplätze in Flussnähe aus.

Enten brüten gerne hoch oben

Schlüpfen die Küken, wird es allerdings schwierig. Weil die Mutterente sie zum Wasser führen möchte, lockt sie ihre Küken aus dem Nest. Liegt das Nest im fünften Stock, wie die WG, steht die Mutterente unten und ruft nach ihnen – und die Küken springen. Einen Sprung aus einer geringen Höhe macht den Entenküken wenig aus, sagt Christian Henkes. Mit ihrem Körper kommen sie wie mit einem Fallschirm sicher auf dem Boden an.

Ab der zweiten Etage könne der Sprung für die frisch geschlüpften Küken allerdings gefährlich werden. Roman und seinen Mitbewohnern rät der Nabu-Experte deshalb, die Küken über die Hauswand abzuseilen.

Nach dem Schlüpfen schnell ins Wasser helfen

Dafür kommt es vor allem auf das richtige Timing an. Nachdem die Küken geschlüpft sind, haben sie etwa sechs bis zwölf Stunden Zeit, um den Entennachwuchs ins Wasser zu bringen.

Wichtig sei, dass die Mutterente ihre Küken während der Rettungsaktion sieht oder hört. Würden Roman und seine Mitbewohner die Küken einfach über das Treppenhaus herunter tragen, würde die Entenmutter ihre Jungen nicht erkennen und zurücklassen.

"Das Muttertier muss ihre Küken die ganze Zeit sehen oder hören können. Es bringt nichts, dass man die Küken einsammelt, durchs Treppenhaus läuft, dann zum Beispiel in den Hinterhof geht und dann denkt das Muttertier kommt."
Christian Henkes, Nabu-Vorsitzender für Mainz und Umgebung

Nachdem das erste Küken geschlüpft ist, weiß die WG, die Zeit läuft. Als sie die zwölf Jungtiere in einen Einkaufskorb setzen wollen, geht die Entenmutter aber dazwischen und greift die WG-Bewohner an. Beim zweiten Versuch klappt es: Die Küken sind im Korb und die Mutterente sitzt auf dem Dach gegenüber, damit sie ihren Jungen zurufen kann.

"Am Tag vorher hat man das erste Köpfchen gesehen. Und dann waren wir alle in Alarmbereitschaft."
Roman und seine WG haben Entenküken von ihrer Dachterrasse gerettet

Langsam und mit Vorsicht seilt Roman den Korb ungefähr 17 Meter an der Hauswand entlang nach unten ab. Dort wartet sein Mitbewohner Joe, um den Korb entgegenzunehmen. Wenig später ist auch die Entenmama bei ihren Küken und macht sich mit ihnen auf den Weg zum Wasser.

Polizei kann beim Enteneskort helfen

Je nach Verkehrslage sollte man dafür die Polizei rufen, sagt Christian Henkes. Die Enten finden zwar problemlos ihren Weg zum Wasser, überqueren dabei aber auch Straßen. Damit sie sicher ankommen, regelt die Polizei in solchen Fällen den Verkehr. An Entenrettungsaktionen ist sie besonders in der Brutzeit gewöhnt, erklärt er.

Eine Entenmutter läuft mit ihren Jungen über eine Straße zum Wasser.
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Eine Entenmutter läuft mit ihren Jungen über eine Straße zum Wasser.
"Die Ente kann selber laufen. Das ist nicht das Problem – aber die große Straße. Da müsste man die Polizei in Anspruch nehmen, die auch um diese Zeit weiß, dass so etwas passiert."
Christian Henkes, Nabu-Vorsitzender für Mainz und Umgebung

Roman und seine WG schaffen den Enteneskort auch ohne Polizei, weil ihre Wohnung in der Nähe vom Rhein liegt. Bis dorthin begleiten sie die Entenmutter und ihre Küken ohne Zwischenfälle. Einmal am Wasser angekommen, springt die Entenfamilie gleich rein und schwimmt davon.

Tierschutzvereine fragen bei Rettung

Der Nabu-Experte kennt viele Rettungsaktionen wie diese. Bislang sind alle, von denen er weiß, geglückt, sagt er. Bei Problemen sollten sich die Retter*innen aber direkt an einen Tierschutzverein wenden.

Für andere Wildtiere und Vögel gilt meistens: Der Natur ihren Lauf lassen. Vogelküken, die auf der Straße sitzen, können wir aber auf das nächste Gebüsch setzen. Anders als Rehe oder Hasen etwa nehmen Vögel keinen Geruch wahr und nehmen ihre Jungen weiterhin an.