Helena Melikov lebt, bis sie elf Jahre alt ist, in einer Industriestadt in Kasachstan. Dann ist sie als "Russlanddeutsche" nach Deutschland gekommen. Diesen historisch geprägten Begriff beginnt sie mit Ende 20 zu hinterfragen.

Helena ist Geschichtenerzählerin. Sie erzählt ihre eigene Geschichte, aber auch die vieler anderer. Das tut sie nicht nur zusammen mit zwei Freundinnen im Podcast "X3", sondern auch mit ihrem Kunst- und Fotobuchverlag "Shift Books" und ihrem Projekt "Lost and Found", mit dem sie heimatlosen Bildern aus Flohmarktkisten ein neues Zuhause und neue Geschichten gibt.

Die Diversität des "Post-Ost-Raums"

Den Podcast "X3" macht Helena zusammen mit der Journalistin Julia Boxler und der Autorin Ani Menua. Julia und Helena haben ihre Wurzeln in Kasachstan, Ani in Armenien. Alle drei haben lange auf einen Podcast gehofft, der die Identitäten von Russlanddeutschen aufgreift – bis sie beschlossen haben, den Podcast einfach selbst zu starten. Im Januar 2020 haben sie dann die erste Folge veröffentlicht.

Im Podcast sprechen sie über die unterschiedlichen Lebensrealitäten von Russlanddeutschen und auch über ihre eigene Migrationsgeschichte. Es geht ihnen darum, die Diversität des "Post-Ost-Raums" sichtbar zu machen, sagt Helena. Den Begriff "postsowjetisch" findet Helena problematisch. Er trägt eine "Russifizierung" in sich und verschweigt viele Identitäten, ist nicht heterogen genug, sagt sie.

"Der Podcast hat dazu beigetragen, der eigenen Identität oder den mehreren Identitäten, die ich habe, nachzugehen. Bei uns in der Familie wurde darüber überhaupt nicht gesprochen."
Helena Melikov, Verlegerin und Podcasterin

Ihr hat der Podcast auch geholfen, ihre eigene Familiengeschichte neu zu ergründen, über die lange familienintern geschwiegen wurde.

Wenn man eine Migrationsgeschichte hat, beschäftigt man sich permanent mit der eigenen Identität, sagt Helena. Bei ihr fand die richtige Auseinandersetzung aber erst mit Ende 20 statt. Bis dahin hatte sie ihre eigene Herkunft eher ignoriert, weil sie so damit beschäftigt war, deutsch sein zu wollen und nicht aufzufallen, erinnert sich Helena.

"Die Auseinandersetzung mit meiner Migrationsgeschichte hat etwas spät eingesetzt, weil ich sie bis Ende 20 total ignoriert habe und eher damit beschäftigt war, deutsch sein zu wollen."
Podcasterin Helena Melikov über die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Identität

Helena sieht sich auch immer wieder mit "gut gemeinten Komplimenten" konfrontiert, wie beispielsweise: "Du sprichst aber super deutsch!" Als Kompliment kam das bei ihr nie an, auch wenn sie früher immer dachte, dass sie derartige Sprüche aushalten muss.

"Uns wurde immer eingeredet, unsichtbar zu sein, bloß nicht laut zu sein und das vermeintliche Interesse oder die Kritik aushalten zu müssen. Bis ich verstanden habe: Das muss ich gar nicht."
Helena Melikov, Verlegerin und Podcasterin

Heute steht sie da drüber. Manchmal geht sie noch auf die Aussagen ein oder versucht das Gespräch so ausklingen zu lassen, dass man gar nicht mehr darüber spricht, sagt sie.

Schlimmer findet sie es, dass sie manchen Menschen als Projektionsfläche dient: "Von mir wird oft erwartet, dass ich alles über die russländische Politik erklären darf oder soll." Wie tickt Putin? Wie stehst du zu ihm? Das sind Fragen, die sie gestellt bekommt. Menschen als Projektionsflächen zu nutzen, findet Helena sehr problematisch. Das gelte nicht nur für Russlanddeutsche, sondern für alle Menschen. Niemand kann für als einzelne Person, für eine ganze Gesellschaft stehen oder sprechen, sagt Helena.

"Man kann nicht als einzelne Person für eine ganze Gesellschaft stehen. Das funktioniert einfach nicht."
Helena Melikov, Verlegerin und Podcasterin

Über ihre Heimat Kasachstan, die sie – seit sie 1997 nach Deutschland gekommen ist – bisher nicht mehr besucht hat, muss sie auch immer wieder viel erzählen und aufklären. Viele wussten vor dem Film "Borat" nicht mal, dass es das Land gibt, sagt Helena.

Im Gespräch mit Sebastian Sonntag erzählt Helena außerdem, warum der Begriff "Russlanddeutsche" immer falsch verstanden wird, sie erzählt die ergreifende Geschichte ihrer Oma, die als Ostarbeiterin nach Deutschland verschleppt wurde, und sie beschreibt auch, wie sie die Invasion Russlands in die Ukraine wahrgenommen hat. Dazu einfach oben auf den grünen Playbutton drücken.