Alle Menschen sind irrational – auch diejenigen, die von ihrer Rationalität überzeugt sind. Das sagt Neurologe und Hirnforscher Philipp Sterzer. Er erklärt außerdem, warum wir unseren Überzeugungen nicht immer trauen sollten.

Manche Menschen halten an ihren Überzeugungen fest, sie scheinen für sie unantastbar zu sein. Neurologe, Hirnforscher und Psychiater Philipp Sterzer würde dem entgegensetzen, dass unsere Überzeugungen weder statisch noch unveränderbar sind. Im Gegenteil: Wir verändern sie andauernd während unseres Lebens.

Das ist ihm zum Beispiel auch während der Corona-Pandemie aufgefallen: Er habe seine Überzeugungen immer wieder an den aktuellen Forschungsstand anpassen müssen, beispielsweise wenn es um die Wirksamkeit der Impfungen oder verschiedener Medikamente ging.

"Unsere Überzeugungen haben eine Funktion für uns: Sie geben uns eine Orientierung."
Philipp Sterzer, Neurologe, Psychiater und Hirnforscher

Unsere Überzeugungen zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen, fällt uns aber nicht immer leicht. Denn unsere Meinungen und Überzeugungen haben eine wichtige Funktion: Sie helfen uns, ein Bild der Realität zu zeichnen, Sachverhalte einzuordnen und Entscheidungen zu treffen. Sie geben uns eine Leitlinie, an der wir unser Verhalten orientieren können.

Würden wir jedes Mal unsere Überzeugungen über den Haufen werfen, wenn jemand einen Zweifel daran äußern würde, wären sie als Kompass ungeeignet, erklärt der Experte. Deshalb fällt es uns oft schwer, gedanklich flexibel zu bleiben: Schließlich geben uns unsere Überzeugungen eine vermeintliche Sicherheit und Plausibilität einer an sich unsicheren und unübersichtlichen Welt.

Wir können uns der Wirklichkeit nur annähern

Dabei müssen wir die verschiedenen Meinungen und Überzeugungen unterscheiden. Während die einen unsere Werte bilden, etwa die Diskussion um Waffenlieferungen in die Ukraine, konstruieren andere unser Bild von Wirklichkeit. Denn Fakt ist: Die eine objektive Wirklichkeit kann unser Gehirn nicht erfassen – und deswegen sind wir alle irrationaler, als wir annehmen, erklärt er.

Das liegt daran, dass unser Gehirn keinen unmittelbaren Zugriff auf die Wirklichkeit hat, sondern sie mittels der von unseren Sinnesorganen gesendeten Nervenimpulsen in ein Bild übersetzt. Dieser Prozess ist mit Fehlern behaftet und orientiert sich nicht unbedingt daran, wie die Wirklichkeit tatsächlich ist, sagt Philipp Sterzer. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns der Wirklichkeit nicht annähern können: Es gibt rationales Denken und Fakten und Zahlen, die uns dabei helfen können.

"Die neuen Medien haben Verschwörungstheorien nicht hervorgebracht – sehr wohl haben sie aber die Reichweite und die Geschwindigkeit verändert, mit der Meinungen verbreitet werden können."
Philipp Sterzer, Neurologe, Psychiater und Hirnforscher

Bei Verschwörungserzählungen funktioniert es nicht anders als bei anderen Überzeugungen. Wir alle denken, dass wir vernunftgeleitet zu unseren Überzeugungen kommen. Deshalb sind wir grundsätzlich auch alle anfällig für Annahmen, die uns plausibel erscheinen.

Vor allem in Krisensituationen – egal ob persönliche, politische oder gesellschaftliche – sind wir mit einer großen Unsicherheit konfrontiert. Die meisten Menschen könnten diese Unsicherheit nur schwer aushalten. In solchen Zeiten würden mehr Menschen dann auch anfälliger für Verschwörungsmythen, die Halt und Orientierung versprechen.

"Wenn wir erst einmal Halt in einer vermeintlich plausiblen Theorie gefunden haben, ist es schwer, uns davon wieder abzubringen."
Philipp Sterzer, Neurologe, Psychiater und Hirnforscher

Wenn wir erst einmal eine scheinbar stimmige Erklärung gefunden haben, ist es schwer, uns davon wieder abzubringen – denn wir denken, dass wir rational zu dieser Überzeugung gekommen sind, auch wenn vielleicht vielmehr Unsicherheit die treibende Kraft war, so der Experte.

Zwar funktioniere Wahn bei psychisch kranken Menschen ganz anders, dennoch gebe es die Hypothese, dass einige der Denkmechanismen ähnlich ablaufen. Die Unsicherheit komme bei einem psychisch kranken Menschen im Gehirn selbst zustande und die wahnhafte Vorstellung sei der Versuch, mit dieser Unsicherheit zurechtzukommen.

Noch mehr zu dem Thema schreibt Neurologe, Psychiater und Hirnforscher Philipp Sterzer in seinem Buch "Die Illusion der Vernunft".

  • Moderator:  Basti Schmitt
  • Gesprächspartner:  Philipp Sterzer, Neurologe, Hirnforscher und Psychiater