Facebook hat der Verbreitung von Donald Trumps Verschwörungsmythen über die angeblich gestohlenen Wahlen den Kampf angesagt. Jetzt sollen dabei auch die Moderierenden amerikanischer Facebook-Gruppen stärker in die Verantwortung genommen werden. Kritiker sagen aber: Facebook wälzt damit seine Verantwortung ab.

Immerhin: Facebook ist nicht tatenlos geblieben, sondern hat – nach immensen Druck von außen – irreführende Verschwörungsmythen und Falschaussagen über die angeblich gestohlenen US-Wahlen mit Hinweisen versehen. Schon vor der Wahl hatte das soziale Netzwerk zahlreiche QAnon-Gruppen gelöscht. Jetzt greift Mark Zuckerberg auch in weiteren amerikanischen Facebook-Gruppen durch. Der Konzern möchte die Moderatorinnen und Moderatoren dieser Gruppen stärker in die Verantwortung nehmen.

Facebook will neutral bleiben

Denn Mark Zuckerberg hat ein altbekanntes Problem: Wenn Facebook selbst zu sehr in die Steuerung und Moderation seiner Inhalte eingreift, verliert es seinen Status als neutrale Plattform, die für die geposteten Meinungen nicht selbst verantwortlich ist. Deswegen versucht das weltgrößte soziale Netzwerk, sich bei allen Maßnahmen gegen Fakenews oder Desinformation so weit wie möglich herauszuhalten. Genau diese Strategie zeige sich jetzt auch hier, sagt unsere Netzreporterin Martina Schulte.

"Nicht Facebook selbst kümmert sich darum, die Verschwörungsmythen um die gestohlene Wahl einzudämmen. Diese Verantwortung soll offenbar auf die freiwilligen Gruppenmoderatoren abgeschoben werden."
Martina Schulte, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporterin

Von diesen Absichten berichtet die Washington Post. Facebook gibt einigen der unter Beobachtung stehenden Gruppen, die Wahl-Verschwörungsmythen verbreiten, eine Art Bewährungsauflage: Nach einer gewissen Schonfrist sollen solche Inhalte verschwinden, sonst werden die Gruppen dichtgemacht. Dafür verantwortlich, dass niemand mehr behauptet, Joe Biden hätte die Wahlen gestohlen, sind aber eben die Moderatorinnen und Moderatoren.

Große Verantwortung für die Moderierenden

Das ist eine gewaltige Aufgabe für ungeschulte Freiwillige, schreibt netzpolitik.org. Die Lösung sei "heikel". Wie das Blog berichtet, gelten die Maßnahmen für öffentlich einsehbare und geschlossene Gruppen in den USA – zunächst für die nächsten 60 Tage. Sobald Facebook feststellt, dass innerhalb einer Gruppe zu viele Beiträge veröffentlicht werden, die gegen die sogenannten Gemeinschaftsrichtlinien verstoßen, müssen die Moderatorinnen und Moderatoren handeln.

Posts nicht automatisch online

Weil diese oft gar nicht hinterherkommen mit den Unmengen an Posts, hat sich Facebook eine Lösung ausgedacht: Die Beiträge der Gruppen, die unter Bewährung stehen, gehen nicht automatisch online, wie das normalerweise in den meisten Gruppen der Fall ist. Die Moderierenden müssen jeden einzelnen Post händisch überprüfen und dürfen ihn erst danach online stellen. Wenn sie das nicht gut bzw. gründlich genug machen, wird die Gruppe geschlossen.

Diese Maßnahmen sollen, so Facebook gegenüber der Washington Post, "Menschen in dieser beispiellosen Zeit schützen". Nach einer Untersuchung der Analysefirma Zignal Labs wurde der angebliche Wahlbetrug allein in der Woche nach der Wahl in sozialen und klassischen Medien über 4,6 Millionen Mal erwähnt.

Könnte auch in Europa Schule machen

So gut die Idee prinzipiell ist, Fakenews-Lawinen den Kampf anzusagen, Facebook selbst scheint mit dem Handling überfordert zu sein, sagt unsere Netzreporterin. Den schlecht bezahlten oder gar freiwilligen Moderatorinnen und Moderatoren die Verantwortung zuzuschieben, sei schwierig. Es sei aber eine Vorgehensweise, die durchaus Schule machen könnte.

Denn wenn Facebook feststellt, mit der neuen Methode viele problematische Posts loswerden zu können, könnte sie der Konzern bald auch in Europa anwenden, etwa im Kampf gegen Corona-Verschwörungserzähler. Erst kürzlich hatte Facebook die "Corona-Rebellen" gelöscht, eine 80.000 Mitglieder starke Gruppe, die Corona-Desinformationen verbreitete.