Deutschland steckt in der vierten Welle. Die Inzidenz steigt auf einen neuen Höchstwert von 232,1. Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes, sagt, sich impfen zu lassen ist eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

Viele Virolog*innen haben im September gewarnt, dass es so kommen wird. Im Corona-Podcast des NDR sagte Christian Drosten: "Wir müssen die Impflücken schließen." Am Donnerstag (11.11.2021) berät der Bundestag über das neue Infektionsschutzgesetz.

Thorsten Lehr ist Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes. Der 44-Jährige pflegt das Computermodell Covid-Simulator alle zwei Wochen mit den neuesten Daten, um das zu erwartende Infektionsgeschehen in Deutschland vorherzusagen. Ihn beunruhigt die Entwicklung der Inzidenz und die Belegung der Intensivbetten. Und vor allem das Desinteresse am Thema.

"Am meisten beunruhigt mich, dass es keinen wirklich zu interessieren scheint, was gerade passiert. Gefühlt ist die Regierung gerade handlungsunfähig."
Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes

Lockdown im späteren Verlauf der Pandemie

Thorsten Lehr sagt: Kontakte müssten dringend reduziert werden, um die aktuelle Entwicklung zu stoppen. "Wir bräuchten eigentlich 20 bis 25 Prozent weniger Kontakte, damit die Inzidenz nicht mehr ansteigt." Er empfiehlt Maßnahmen wie 2-G, um gegenzusteuern, sagt aber auch: "Ich befürchte, am Ende des Tages wird man im späteren Verlauf der Pandemie nicht um einen Lockdown herumkommen".

Da noch nicht eindeutig geklärt sei, wo sich das Virus am schnellsten verbreitet, geht Thorsten Lehr davon aus, dass es zuerst Restaurants, Diskos sowie Schulen treffen wird. "Es wird Schließungen wahrscheinlich wieder nach dem Gießkannenprinzip geben", prognostiziert er. "Ich mag mich täuschen, aber im Moment sehe ich keinen anderen Weg aus der Pandemie", sagt Lehr.

Der Modellierer hat Zweifel, dass 2-G ausreichen wird, um die Pandemie zu besiegen und dass sich die Leute ausreichend an die Regel halten werden.

Deutlich geringere Übertragbarkeit des Virus durch Geimpfte

Auch Geimpfte können das Virus weitergeben. Klar sei aber auch: Sie hätten eine deutlich geringere Übertragbarkeit. Und auch die Phase, in der das Virus übertragen wird, sei bei ihnen kürzer, argumentiert Lehr. Mit einer Boosterimpfung lasse sich die Wahrscheinlichkeit weiter reduzieren, dass doppelt geimpfte Personen zu Überträgern werden.

"Die Wirksamkeit einer Boosterimpfung zeigt sich am Beispiel von Israel. Dort konnte die Vierte Welle durch konsequente Drittimpfung gegen Covid-19 gebrochen werden."
Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes

Ganz wichtig: Ungeimpfte davon zu überzeugen, sich impfen zu lassen. Nur so lasse sich die Pandemie langfristig in den Griff bekommen, so Thorsten Lehr. Das sei aber nicht alles: "Auch durch die Lockerungen verbreitet sich das Virus wieder schneller", sagt Lehr. Hinzu kämen saisonale Effekte im Herbst und Winter. "Die typischen Erkältungsviren haben jetzt auch Hochsaison. Das Wetter ist wie ein Whirlpool für die Viren". Deswegen seien gerade viele Menschen erkältet. Und über diese Bedingungen freue sich auch das Coronavirus, erklärt der Professor der Universität des Saarlandes.

Die Versprechungen aus dem Wahlkampf sind nicht einzuhalten im Winter

Einige Lockerungen der vergangenen Monate seien vielleicht einfach ein bisschen zu viel gewesen, im Wahlkampf Versprechungen gemacht worden, die im Winter nicht einzuhalten seien. Etwa die Aussicht, Ende März alle Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung zu lockern oder aufzuheben. "Die zukünftige Regierung wird, glaube ich, sehr schnell mit einer sehr großen Herausforderung in diese neue Regierung reinstarten", ist Lehr überzeugt.

Thorsten Lehrs Rat an die neuen politischen Entscheidungsträger: ehrlich zur Bevölkerung sein. Dieser Winter könne sehr hart werden, mit noch mehr Einschränkungen als wir denken, mahnt er. Genau deswegen sei es jetzt an der Zeit, sich impfen zu lassen. Und dabei gehe es eben nicht nur um Eigenverantwortung, sondern um Verantwortung der Gesellschaft gegenüber, so Thorsten Lehr. Auch deshalb ist er davon überzeugt: Im kommenden Jahr werden wir viel deutlicher über eine Impfpflicht sprechen als bisher.