Nicht alle mögen sie, aber piepende Einparkhilfen für Autos sind einfach praktisch. Zurzeit entwickeln Forschende an der Ruhr Universität Bochum einen virtuellen Blindenstock, der nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert. Menschen mit Sehbehinderung werden durch Töne vor Hindernissen gewarnt, die bis zu 20 Meter entfernt sein können.

Der virtuelle Blindenstock sieht aus wie eine Taschenlampe und wird auch so in der Hand gehalten. Deswegen hat das kleine Gerät von seinen Entwicklern auch den Spitznamen "Taschenlampen-Radar" erhalten. Drei Jahre lang haben die Forschenden daran gearbeitet, diese neue Art der Navigationshilfe für Sehbehinderte zu entwickeln.

Weil Infrarot und Ultraschall je nach Witterung besser oder schlechter funktionieren, haben sich die Wissenschaftler für ein radargesteuertes Gerät entschieden. Das Projekt, das von der EU und dem Land Nordrhein-Westfalen gefördert wird, trägt den Namen Ravis-3D.

Radarwellen tasten das Gesichtsfeld ab

Wenn eine Person den virtuellen Blindenstock in der Hand hält, wird sie über einen Kopfhörer durch Pieptöne auf Gegenstände aufmerksam gemacht, die sich in ihrer Nähe befinden. Ein besonderer Clou: Die Entwickler haben das Gerät so programmiert, dass es Hindernisse, die Töne von sich geben, nicht anzeigt. Das heißt, Menschen, die sprechen, werden nicht als Hindernis gewertet, weil ein Sehbehinderter sie auch ohne das Hilfsmittel wahrnehmen kann.

"Die elektromagnetischen Wellen werden von einem Objekt reflektiert und anhand der Laufzeit der Reflektion können wir messen, in welcher Entfernung sich ein Objekt befindet, sodass diese gemessene Entfernung vom Sensor in einen Ton umgesetzt wird."
Nils Pohl leitet den Lehrstuhl für integrierte Systeme an der Ruhr-Universität Bochum
Annalena Knors nutzt im Alltag bisher nur ihren Blindenlangstock. Sie kann sich aber vorstellen, dass sie demnächst auch einen virtuellen Blindenstock in der Jackentasche mit sich trägt, der ihr dabei sicher durch die Stadt zu kommen.
© RUB, Kramer | Ann-Kristin Pott
Annalena Knors nutzt im Alltag bisher nur ihren Blindenlangstock. Sie kann sich aber vorstellen, dass sie demnächst auch einen virtuellen Blindenstock in der Jackentasche mit sich trägt.

Unsere Reporterin Ann-Kristin Pott war dabei, als die blinde Annalena Knors den Prototypen des virtuellen Blindestocks getestet hat. Vergleichsweise schwer findet Annalena das Gerät bisher noch, es liege aber gut in der Hand.

Bisher sendet der Ravis-3D-Blindenstock Warntöne an einen Kopfhörer, wenn er ein Hindernis per Radar erkennt. Je weiter wir uns einer Barriere nähern, desto höher und schneller werden die Töne. Dass ein Mensch mit Sehbehinderung im Straßenverkehr einen Kopfhörer trägt, ist allerdings eher unpraktisch, weil dadurch andere Geräusche geblockt werden, mit deren Hilfe sich Blinde orientieren können.

"Gerade im Straßenverkehr muss man ja hören, was drum herum passiert, das soll durch das Hörgerät gewährleistet sein."
Nils Pohl leitet den Lehrstuhl für integrierte Systeme an der Ruhr-Universität Bochum

Die Entwickler planen daher auch das Gerät so weiterzuentwickeln, dass es in Verbindung mit einem individuell angepassten Hörgerät genutzt werden kann. Somit kann ein Mensch mit Sehbehinderung auch die Geräusche in seiner Umgebung wahrnehmen. Um das Gerät so einfach wie möglich nutzen zu können, arbeiten die Forschenden daran, dass es in Zukunft über eine Smartphone-App gesteuert werden kann.

Virtueller Blindenstock kein Ersatz für den analogen

Einer der größten Vorteile des neuen Blindenstocks sei, dass er Hindernisse auch in größerer Entfernung, also bis zu 20 Metern, erkennen kann. Sein größter Nachteile: Der Sensor kann die Beschaffenheit des Bodens nicht analysieren. Aus diesem Grund kann der virtuellen Blindenstock den konventionellen Blindenlangstock nicht ersetzen. Er kann ihn nur ergänzen und den Sehbehinderten eine weitere Möglichkeit dabei bieten, möglichst unfallfrei durch die Stadt zu kommen.

Virtueller Blindenstock kennzeichnet nicht als blind

Um sich als Mensch mit Sehbehinderung selbst zu schützen oder auch Schadensersatzansprüche geltend machen zu können, wenn es zu einem Unfall kommt, empfiehlt der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverein, dass Menschen ihre Sehbehinderung anhand eines eindeutigen Merkmals sichtbar machen.

Der Blindenlangstock kennzeichne seinen Träger beispielsweise als blind oder sehbehindert, genauso wie die gelbe Armbinde mit den drei schwarzen Punkten. Für den neu entwickelten virtuellen Blindenstock gelte das allerdings nicht.

"Das könnte eine Ergänzung sein, zu sagen, ich hab den virtuellen Stock auch in der Tasche, der ist leicht und kompakt und per Bluetooth mit dem Smartphone verbunden, da macht der virtuelle Blindenstock Sinn."
Annalena hat den virtuellen Blindenstock getestet