Fünf Jahrzehnte nach dem "Grünen Marsch" ist die Westsahara weder eine eigene Nation noch ein Teil Marokkos. Manche nennen das Gebiet "die letzte Kolonie Afrikas". Wo steht die Region heute?
Als 1973 die Befreiungsbewegung Frente Polisario gegründet wird, ist klar: Die Westsahara würde nicht kampflos aus der Geschichte und von den Landkarten verschwinden.
Das Land zwischen Algerien, Marokko und Mauretanien hat zu dem Zeitpunkt schon eine lange und leidvolle Kolonialgeschichte hinter sich. Seit 1884 ist das Gebiet spanische Kolonie – verwaltet von Madrid, nicht vom marokkanischen Sultan, der nur formal herrscht.
"Der Sultan blieb formal Herrscher über Marokko. Wesentliche Teile der Politik, zum Beispiel die Landesverteidigung oder die Außenpolitik, wurden aber in Paris beziehungsweise Madrid entschieden."
Nach zwei Kriegen im Jahr 1909 war im Vertrag von Fes 1912 festgelegt worden, dass es auf dem Gebiet Marokkos zwei Protektorate geben soll: "Spanisch Marokko" (das heute umstrittene Gebiet der Westsahara) und "Französisch Marokko" – die Hafenstadt Tanger erhielt einen eigenen Status.
Anfang der 1920er Jahre versucht Spanien dann, seinen Einfluss in einem Krieg auszuweiten. Der Versuch allerdings endet in einem militärischen Desaster mit mehr als 13.000 toten Soldaten. Dennoch etabliert Spanien in den kommenden Jahren eine eigene Verwaltung in ihrem Protektorat und integriert auf diese Weise ihren Teil Marokkos mehr und mehr in den eigenen Staat.
Westsahara: trauriges Relikt der Kolonialzeit
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt die Entkolonialisierung Afrikas – 1960 erreicht sie mit dem so genannten "Afrikanische Jahr" einen Höhepunkt. Während Marokko 1956 seine Unabhängigkeit erlangt, bleibt die sogenannte "Spanisch-Sahara" aber ein koloniales Relikt.
Bis zum Tod des Diktators Francisco Franco im Jahr 1975 bleibt dort die spanische Herrschaft bestehen. Danach gerät das Machtgefüge ins Wanken. Marokko nutzt das politische Vakuum und organisierte den "Grünen Marsch" – eine Massenmobilisierung von Zivilisten, flankiert von militärischem Druck. Spanien zieht sich zurück.
Über die Köpfe der Bevölkerung hinweg
Im Vertrag von Madrid vom November 1975 wird die Verwaltung des Gebiets zwischen Marokko und Mauretanien aufgeteilt – ohne, dass die ursprünglichen Bewohner der Westsahara über ihre Zukunft abstimmen können. Teile der politischen Entscheidungen wurden dabei nicht in Marokko getroffen, sagt Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld.
Die Antwort der Polisario: Am 27. Februar 1976 ruft die Befreiungsbewegung die "Demokratische Arabische Republik Sahara" (DARS) aus. Ein jahrelanger Krieg beginnt. Als sich Mauretanien nach einem Machtwechsel 1979 aus dem Süden zurückzieht, übernimmt Marokko faktisch die Kontrolle über fast das gesamte Gebiet. Ein mehrere tausend Kilometer langer Sandwall zementierte die militärische Realität.
Die Vereinten Nationen erkannten die Annexion nie an. 1991 vermitteln sie einen Waffenstillstand und fordern ein Referendum über die Selbstbestimmung der Region – bis heute hat das nicht stattgefunden. Die Westsahara bleibt so eines der letzten Gebiete der Welt, in dem die formale Entkolonialisierung nicht abgeschlossen ist.
Strategische Neuordnung in Nordafrika
Doch die geopolitischen Koordinaten verschieben sich. 2020 erkennen die USA die marokkanische Souveränität über das Gebiet an – eine unvorhersehbare Wende, eingebettet in eine größere strategische Neuordnung im Nahen Osten und Nordafrika. Seither wächst die Zahl der Staaten, die den von Rabat vorgeschlagenen Autonomieplan als realistische Lösung unterstützen.
Am 31. Oktober 2025 setzt der UN-Sicherheitsrat ein politisches Signal: Er hebt in einer Resolution hervor, dass der marokkanische Plan eine ernsthafte, glaubwürdige und realistische Grundlage für Verhandlungen darstelle und verlängert zugleich das Mandat der UN-Mission für das Referendum in Westsahara (MINURSO) bis zum 31. Oktober 2026. Eine formelle völkerrechtliche Anerkennung der marokkanischen Souveränität erfolgt zwar nicht – doch der Ton verändert sich.
"Die Kolonialzeit hinterließ in allen afrikanischen Staaten tiefe Spuren."
Aus einem Konflikt um Selbstbestimmung ist zunehmend eine Debatte über Autonomie unter marokkanischer Oberhoheit geworden. Für die Polisario bedeutet das politischen Gegenwind, für Marokko einen diplomatischenErfolg.
Für die Bewohner der Westsahara, die Sahrauis, allerdings bleibt die zentrale Frage offen: Wird ihr Recht auf Selbstbestimmung eines Tages tatsächlich eingelöst oder geht es leise unter im Hin- und Her der internationalen Diplomatie?
Ihr hört in Eine Stunde History:
- Der Journalist Alfred Hackensberger erläutert den Konflikt um die Westsahara.
- Der Rechtsanwalt Azzadine Karioh beschreibt die marokkanische Sichtweise auf den Konflikt.
- Der deutsch-algerische Politologe Rachid Ousissa erläutert, wie Algerien den Streit um die Westsahara einschätzt.
- Der ARD-Korrespondent Stefan Ehlert erklärt die aktuelle soziale und politische Lage in der Westsahara.
- Der Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Dr. Matthias von Hellfeld blickt zurück auf den Beginn des Konfliktes um die Westsahara.
- Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Esther Körfgen erinnert an den "grünen Marsch" im November 1975, mit dem Marokko die Westsahara in das eigene Staatsgebiet bekommen wollte.
Artikelbild: Mit wehenden Fahnen und dem Koran in der Hand überqueren am 6. November 1975 Marokkaner die Grenze zur spanischen Überseeprovinz 'Spanisch Sahara'. Rund 350.000 marokkanische Zivilisten nahmen an dem von König Hassan II. initiierten "Grünen Marsch" in den Norden der spanischen Kolonie teil.
- Alfred Hackensberger über den Konflikt um die Westsahara
- Esther Körfgen erinnert an den "grünen Marsch" im November 1975, mit dem Marokko die Westsahara in das eigene Staatsgebiet bekommen wollte.
- Azzadine Kairoh beschreibt die marokkanische Sichtweise auf den Konflikt
- Rachid Ouaissa erläutert, wie Algerien den Streit um die Westsahara einschätzt
- Stefan Ehlert über die aktuelle soziale und politische Lage in der Westsahara
