Hirnforschende wissen: Menschen sind schlauer als Vögel. Im Vergleich zum Menschen haben Vögel allerdings viel leistungsstärkere Neuronen. Ein Vogelneuron erzeugt sechsmal so viel Intelligenz wie ein menschliches Neuron. In seinem Vortrag erklärt Biopsychologe Onur Güntürkün welche Folgen das für die Beziehung von Mensch und Tier hat.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Hirnforschung enorme Fortschritte gemacht. An einer der bedeutsamsten Erkenntnisse war der Biopsychologe Onur Güntürkün beteiligt.

Er hat herausgefunden, dass Denken auch ohne Großhirnrinde möglich ist. Eine Entdeckung, die ein über einhundert Jahre altes Paradigma der Hirnforschung gekippt hat.

"Vögel haben einen uns vollkommen unbekannten Mechanismus entdeckt, mit dem sie aus wenigen Nervenzellen mehr rausholen."
Onur Güntürkün, Biopsychologe

Als Biopsychologe erforscht Onur Güntürkün an der Ruhr-Universität Bochum den Aufbau der Gehirne von Vögeln und ihre Denkweise. Durch seine Arbeit ist heute klar: Gehirne können ganz unterschiedlich sein und doch die gleichen Aufgaben erfüllen.

Andere Gehirne, gleiche Aufgaben

Vögel können denken, ihre Gehirne sind aber anders als das menschliche. Versuchen wir uns dann in die Vögel hineinzuversetzen, tendieren wir dazu, unsere eigenen Wünsche und Vorstellungen auf die Tiere zu projizieren – mit schlimmen Folgen, erklärt Onur Güntürkün.

Hühner zum Beispiel haben ganz andere Bedürfnisse als Menschen. Sie fürchten sich unter freiem Himmel. Denn auf einer offenen Wiese könnte ein Habicht oder Adler sie schutzlos greifen.

"Wir versetzen uns in ein Huhn und glauben, dass es dem Huhn genauso geht wie uns."
Onur Güntürkün, Biopsychologe

Das hat Folgen für den Tierschutz. Artgerechte Haltung meint nämlich nicht: Wir machen es den Tieren so schön, wie wir das selbst gerne hätten oder wie wir uns das vorstellen. Vielmehr gilt es herauszufinden, was die Tiere selbst wollen, um sich wohlzufühlen, so der Biopsychologe.

Onur Güntürkün hat seinen Vortrag mit dem Titel "Warum sind Vögel so schlau?" am 12. November 2019 in Essen gehalten. Sein Vortrag war Teil der Veranstaltungsreihe "Mensch und Tier im Revier" des Ruhr Museums und des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen.

In einer vergangenen Hörsaal-Ausgabe findet ihr den Vortrag des Philosophen Bernd Ladwig aus derselben Veranstaltungsreihe.