Nach dem Amoklauf an einer texanischen Grundschule debattieren die USA wieder einmal über Waffengesetze. Dagmar Ellerbrock ist Historikerin an der TU Dresden und erklärt, was hinter dem Waffenkult im Land steckt.

Es ist ein Bild, wie wir es aus den USA kennen. Menschen, die vor einer Schule oder Universität stehen und um ihre Kinder, Freund*innen oder Verwandten trauern. Im jüngsten Fall hat ein 18-Jähriger an einer Grundschule in der Kleinstadt Uvalde in Texas mindestens 19 Kinder und zwei weitere Menschen getötet. Zuvor hatte er auf seine eigene Großmutter geschossen.

Allein in 2021 gab es in den USA konservativen Schätzungen zufolge 418 Mass Shootings, sagt die Historikerin Dagmar Ellerbrock. Sie beschäftigt sich mit Waffenkultur in den USA und sagt, dass die Zahlen jedes Jahr steigen. Dabei sei die Gesellschaft im Land gerade im Bezug auf Waffen hochgespalten.

"Die Emotionen werden permanent gegeneinander in Anschlag gebracht. Deshalb explodiert die Waffengewalt und ist kaum mehr zu beherrschen."
Historikerin Dagmar Ellerbrock über das Verhältnis zu Waffen in den USA

"Wir haben einerseits blankes Entsetzen, Empörung, Trauer, all das, was wir im Moment in den Medien sehen", sagt Ellerbrock. "Gleichzeitig aber gibt es eine starke Verbindung zwischen Waffen und Freiheitsgefühl, dem Gefühl der Selbstbestimmung, und dem Gefühl, sich gegen staatliche Übermacht behaupten zu können."

Warum manche Menschen Waffen mit Freiheit verbinden

Die Idee, dass ein Mann in der Lage sein muss, seine Familie und sein Land und damit auch die Freiheit und die Demokratie mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, ist eine Deutung, die es über viele Jahrhunderte hinweg auch in Europa gegeben hat, erklärt die Historikerin.

"In den USA ist diese Verbindung ironischerweise im frühen 20. Jahrhundert mit der Einführung moderner Schusswaffen noch mal stärker geworden", sagt sie. "Da wurde sie dann auch mit dem Verfassungszusatzartikel, mit dem privater Waffenbesitz ursprünglich überhaupt nichts zu tun hatte, verknüpft."

Das alles bedeutet, dass wir in den USA und in Europa letztlich gegenläufige Bewegungen sehen. "In Europa wird der Freiheitsbegriff nicht mehr auf die individuelle Waffe bezogen und in den USA wird diese Verbindung in den letzten Jahrzehnten immer stärker", so Dagmar Ellerbrock. "Deshalb ist es so schwierig, diese Gefühle von Freiheit und Selbstbestimmung mit gesetzlichen Regularien zu unterlaufen."

Historikerin: Es ist eine "epidemische Ausbreitung von Waffengewalt"

Doch auch die Waffenlobby, also die National Rifle Association (NRA) spielt der Historikerin zufolge eine zentrale Rolle in der Waffendiskussion. "Das ist seit den 60er-Jahren ein starker Verband, der vor allem das Interesse hat, seine Waffen in den Markt zu drücken", sagt sie. "Das machen sie vor allem über Spendengelder und starken politischen Lobbyismus."

"Die Amokläufe sind nur die Spitze eines schrecklich großen Eisbergs. Das, was wir jetzt gesehen haben, ist nur ein ganz kleiner Teil der Schusswaffentoten. In den USA sterben jeden Tag etwa 100 Menschen durch Waffengewalt."
Historikerin Dagmar Ellerbrock über Waffengewalt in den USA

Strengere Waffengesetze, wie sie momentan mal wieder diskutiert werden, würden die "epidemische Ausbreitung von Waffengewalt" einschränken, sagt Dagmar Ellerbrock. "Denn Amokläufe sind nur die Spitze eines schrecklich großen Eisbergs", so die Historikerin. Durch diese Gesetze könnte die enorme Zahl an Verletzten und Toten deutlich reduziert werden. Aber ihre Hoffnung sei gering, es zu einer schnellen Lösung komme.