Der amerikanische Wahlkampf hat es deutlicher denn je gezeigt: Fakten haben es in diesen Tagen schwer. Wir leben in einer Welt der Filterblasen, in der jedes Lager nur noch an seine eigenen Wahrheiten glaubt.

Wenn ich früher wissen wollte, was Fakt ist, gab es offizielle Statistiken. Zwar gab es immer auch den schönen Satz: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Aber irgendwie waren Fakten so eine Art Wahrheit, auf die wir uns als Gesellschaft geeinigt hatten. Und heute?

Der Himmel ist grün

Heute werdet ihr sogar Statistiken finden, die euch "beweisen", dass der Klimawandel eine Erfindung ist. Oder, dass Hillary häufiger lügt als Trump. Oder, dass der Himmel grün ist. Der Soziologe Will Davies hat in seinem Artikel "Thoughts on the sociology of Brexit" die These aufgestellt, dass das Zeitalter der Fakten vorbei sei. Seit der Aufklärung haben Regierungen ihr Handeln mit Fakten begründet. Und sie haben auch mit diesen Fakten geherrscht.

"Das, was wir früher Fakten genannt haben, sind heute Daten."
Will Davies, Soziologe

Anstelle der früher allgemein akzeptierten statistischer Fakten, interpretiere heute jeder die Daten so, wie es ihm in den Kram passt.

Ein Fakt: Es gibt immer mehr Faktenprüfer

Immer mehr Medien versuchen in diesem Schlamassel mit Fact-Checkern zu arbeiten. Das bringt den entsprechenden Websiten im Netz einen ungeheuren Boom, wie CNN schreibt. Seiten wie FactCheck.org, PolitiFact.com in den USA oder der Münchhausen-Check
hier bei uns in Deutschland versuchen herauszufinden, welcher Politiker wie oft lügt. Nur: In den USA werden mittlerweile sogar die Ergebnisse solcher Faktencheck-Seiten angezweifelt. Wem das Ergebnis nicht passt, sagt einfach, der Faktencheck sei manipuliert.

Adrian Lobe zitiert in einem spannenden Essay in der Schweizer Medienwoche eine amerikanische Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass bei PolitiFact.com Aussagen der Republikaner dreimal so häufig falsch waren wie die der Demokraten. Woraufhin Medien, die den Republikaner nahestehen, das Faktencheckportal als voreingenommen brandmarkten.

"Paradox: Wir leben in einer Welt voller Informationen und gerade in der scheint die Verifizierung von Fakten immer schwieriger zu werden."
Adrian Lobe, Journalist

Die sozialen Medien tragen dazu bei, dass über ihre Kanäle viele Menschen mit Hass- und Verschwörungsposts erreicht werden. In den selbstreferentiellen Gruppen und Communities bekommen die Mitglieder immer genau das zu hören, was ihre Vorurteile und Vorstellungen bestätigt. Diese Entwicklung wird sich möglicherweise in der Zukunft verstärken.

"Wenn du diese Wahlen verrückt fandest, dann warte mal ab, was 2020 passiert."

Bereits In vier Jahren könnten photorealistische Avatare eines jeden Kandidaten genau das sagen, was der Wähler will. Stanford-Forscher haben dieses Jahr sogar die Gesichter von Menschen so zu manipulieren, dass sie genau das sagen, was du willst..

Was ist überhaupt noch wahr?

Adobe hat gerade vorgeführt, dass sie schon jetzt Audio-Material so manipulieren können, dass sie jemanden – wenn sie nur seine Stimme haben – alles sagen lassen können. Das sind ungeahnte neue Möglichkeiten für Manipulationen.

Auch die Wahlwerbung wird immer persönlicher werden, da die Social Networks uns immer besser kennen. Stellt euch also vor, ihr seid auf dem Weg zum Brötchen holen, und plötzlich poppt der fotorealistische Avatar von Frauke Petry auf der Werbetafel an der Bushaltestelle neben euch auf: "Hallo! Ich will Bundeskanzlerin werden – wenn du mich wählst, kriegt dein Nachwuchs eine freie Kinderbetreuung, das spart dir 15.000 Euro im Jahr. Außerdem mache ich Podolski zum Sportminister…"