Schon Bertold Brecht sprach in seinem Gedicht "Die Landschaft des Exils" davon, Flüchtlinge seien Boten des Unglücks. Dass sie ihr Schicksal mit nach Europa bringen und den Menschen dort Ängste bereiten, empfinden viele Nationen heutzutage ebenso und schotten sich daher ab.

Um diesen Themenbereich herum entwickelte sich die Diskussion im Jüdischen Museum Berlin am 7. September 2016. Internationale Experten versuchten zu ergründen, warum Europa in der Flüchtlingsfrage so tief gespalten ist und so viele Länder - anders als Deutschland - die Grenzen dichtmachen.

Der französische Historiker Etienne François vermutet, Deutschland habe sich bei der Aufnahme von Flüchtlingen verspekuliert.

"Deutschland hat akzeptiert, sie zu nehmen in der Hoffnung, dass man den anderen europäischen Ländern Zeit lassen könnte, bis sie die Dringlichkeit dieser Herausforderung sehen."
Etienne François, Historiker

Doch ist die erwünschte Reaktion anderer EU-Staaten, gerade im Osten, ausgeblieben. Nichts sei passiert, obwohl Deutschland mit seiner Haltung eine Wette eingegangen sei. François räumt aber auch ein, Deutschland habe von solchen Krisen am meisten profitiert. Kein anderes Land in der EU sei in den vergangenen Jahren so reich geworden wie die Bundesrepublik.

"Wir haben es jetzt mit einem Europa zu tun, das gespalten ist zwischen einem boomenden Kern um Deutschland, wo die Arbeitslosigkeit so niedrig ist wie noch nie seit der Wiedervereinigung und einer verarmten Peripherie."
Hans Kundnani, Politikwissenschaftler

Hans Kundnani vom German Marshall Fund zeigte sich angesichts solcher Entwicklungen irritiert. Für ihn ist noch völlig unklar, ob Angela Merkel am Ende in die Geschichte eingeht als eine Frau, die die EU gerettet hat oder sie zerstört.

Dan Diner aus Jerusalem sieht gar ein Europa am Horizont auftauchen, das immer mehr von Putin beeinflusst werden könnte. Es seien schon jetzt zahlreiche Anzeichen dafür zu erkennen, dass sich die Bundesrepublik an Russland annähere, aber auch in anderen Staaten wie Frankreich sei das der Fall.

"Es wird jetzt in Europa russische Parteien geben: Der Front National ist eine russische Partei, die AFD ist eine russische Partei."
Dan Diner, Historiker

Moderation: Hans-Jürgen Bartsch

Diskussionsteilnehmer:
Dan Diner, Hebrew University of Jerusalem
Adam Michnik, Chefredakteur Gazeta Wyborcza
Dietmar Herz, Universität Erfurt
Etienne François, Pariser Sorbonne
Hans Kundnani, German Marshall Fund

Gesprächsführung: Ines Pohl, Deutsche Welle

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