"Wall Street Market" war einer der größten Darknet-Online-Shops überhaupt. Jetzt werden die Betreiber angeklagt. Einer von ihnen sagt, sie seien niemals Drogenhändler gewesen.

Vor rund einem Jahr, am 2. Mai 2019, wurde der "Wall Street Market" genannte Darknet-Online-Shop für Drogen von Europol und dem Bundeskriminalamt abgeschaltet. Der Shop galt bis dahin als der zweitgrößte Darknet-Marktplatz, der geschätzte gehandelte Umsatz betrug 40 Millionen Euro. Er war Teil des kürzlich als "Cyberbunker" bekannt gewordenen ehemaligen Nato-Stützpunktes in Traben-Trarbach.

Wall Street Market war aufgezogen wie ein Online-Shop, per Klick konnten die Kunden Drogen, aber auch gefälschte Dokumente und Schadsoftware in den Warenkorb legen und meist per Bitcoin bezahlen. Die Drogen wurden per Post zu den Kunden nach Hause geschickt.

Die drei mutmaßlichen Täter – drei Männer aus Deutschland – verkauften nichts selbst, die stellten aber die Plattform bereit. Für jeden Verkaufsvorgang erhielten sie eine Provision.

″Der Unterschied ist, dass wir nicht selbst Drogen verkaufen. Wir haben die Plattform angebot. Natürlich ist das auch nicht in Ordnung, ich will das nicht schönreden. Aber ich finde, das ist schon noch ein Unterschied. Es ist ja nicht so, dass wir mit Kokain oder Gras durch die Gegend gefahren sind. Ich hatte so was nie in der Hand.″
Einer der Betreiber der Drogenplattform "Wall Street Market"

Kurz vor der Anklage gegen die Betreiber der Plattform, konnte ein Rechercheteam des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" und des Norddeutschen Rundfunks (NDR) mit einem der drei Angeklagten sprechen.

Nino Seidel vom NDR hat den mutmaßlichen Täter interviewt. Nino sagt, er wirke fast ein bisschen klischeemäßig, wie der nette Nachbar, ein Familienvater mit einem jungen Sohn, während die beiden mutmaßlichen Mittäter eher die Rolle der Computernerds einnahmen.

Nino sagt: "Mein Gefühl ist, die drei haben das alles eher technisch gesehen, wie ein gut laufendes Start-up."

Distanz zwischen eigenem Handeln und Drogen

Im Gespräch mit dem mutmaßlichen Täter hat Nino eine interessante Beobachtung gemacht, nämlich, wie das Netz eine Distanz zwischen dem individuellen Handeln und dem eigentlichen Drogenverkauf schaffen kann. Der interviewte Beschuldigte sagt: "Der Unterschied ist, dass wir nicht selbst Drogen verkaufen." Er hätte niemals Drogen in der Hand gehabt, sondern lediglich die Verkaufsplattform bereit gestellt.

Haftstrafen erwarten die Männer vermutlich trotzdem – zum Beispiel wegen Beihilfe zum Drogenhandel.

Auf Youtube ist eine Dokumentation des ″Funk″-Formats ″Strg_F″ über den Cyberbunker und ″Wall Street Market″ zu sehen.