Es war der Jahreswechsel 1917/18, als Oswald Spengler seine Vision vom "Untergang des Abendlandes" verkündete. Erst sein Buch machte die Idee vom "Christlichen Abendland" so richtig populär, weil sie die damalige Stimmungslage in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg treffend wiedergab.

Der evangelische Theologe Christian Polke, Lehrstuhlinhaber in Göttingen, zitiert auch heute noch aus seiner eigenen Schulzeit den Slogan: "Abendland ist abgebrannt". Auf den Theologischen Tagen der Universität Halle-Wittenberg hielt er sogar einen Nachruf auf ein Abendland, das niemals richtig existiert hat.

"Von der Formel des Abendlandes halte ich für die Deutung unserer eigenen Gegenwart und ihrer Herausforderung wenig bis gar nichts."
Christian Polke, evangelischer Theologe

Nach seiner Lesart versuchen bestimmte Kreise, mit der Formel vom christlichen Abendland ihre Probleme zur Sprache zu bringen. Und er meint damit Protestbewegungen wie Pegida und sicher auch die Partei der AfD. Wenn dann auch noch Kirchengemeinden das - nicht existierende - Abendland zu einem Teil ihrer kulturellen und gesellschaftspolitischen Agenda machten, dann habe das gewiss vielfältige Gründe - so der Theologe.

Dadurch wolle man alte und bewährte Werte gegen das Neue verteidigen. Noch klarer drückt er es so aus: "Wir haben andere Probleme, als den Bestand eines nicht vorhandenen Abendlandes zu retten!" Polke sprach unter dem Thema "Christliches Abendland - Was soll das sein?" am 18. Januar 2018 an der Universität Halle-Wittenberg.