Rund um die Uhr Familie, Beziehung und Freunde. Wer immerzu von anderen Menschen abhängig ist, sollte es mal mit ein bisschen Selbstliebe versuchen.

"Man kann andere nur lieben, wenn man sich selbst liebt", sagt ein Sprichwort verheißungsvoll. Neben schwurbeligen Kalendersprüchen feiern aber auch zahlreiche Instagramposts das Thema Selbstliebe. Egal ob im Büro, mit der Familie oder gegenüber dem Partner. Der Eindruck entsteht, dass ein achtsamer Blick auf unsere Bedürfnisse uns gut tut. Aber was ist wirklich dran an der Selbstliebe? Und wie funktioniert sie?

Schwieriger Weg zur Selbstliebe

Julia aus Berlin hat einen mühsamen Weg zur Selbstliebe hinter sich. In der Vergangenheit hat Julia sich gegenüber ihren Freunden und Partnern oft unterwürfig verhalten. Ihre eigenen Bedürfnisse spielten dabei keine Rolle. "Um ehrlich zu sein, habe ich mich überhaupt nicht wichtig genommen", sagt sie im Gespräch.

"Es war mir wichtiger, anderen zu gefallen, um Liebe zu bekommen, als mir selbst zu gefallen."
Julia

Irgendwann stellte Julia fest, dass sie wiederholt an den Punkt kam, an dem sie sich selbst nicht mehr mochte. Wenn sie mit Männern zusammen war, stellte sie ihre eigenen Wünsche hinten an. Lieber richtete sie ihre Energie auf Verlangen und Vorlieben des Partners. Um den zu halten, verzichtete Julia aus Loyalität sogar auf Partys und Freunde.

"Ich verhielt mich wie ein Hund, der für Streicheleinheiten und Leckerlis alles tut."
Julia

Als Julia sich dann im vergangenen Herbst Zeit nahm, um in sich reinzuhören, stellte sie fest, dass ihr Problem tiefer lag. Denn schon früher wollte Julia ihrer eigenen Familie gerecht werden. Auf Wunsch der Mutter absolvierte sie eine Ausbildung, auf die sie keine Lust hatte. Auf Wunsch des Vaters entschied sie sich dazu, Kinder zu bekommen.

"Ich liebe meine Kinder, aber ich hätte vielleicht anders entschieden, wenn ich mir meiner Selbst bewusster gewesen wäre."
Julia

Mittlerweile hat Julia ihre Lebenseinstellung geändert. Sie ist sich jetzt darüber bewusst, dass Selbstliebe ein existenzieller Teil ihres Lebens und Wohlbefindens ist.

"Ich möchte für mich glücklich sein, nur dann kann ich auch Glück an die anderen weitergeben."
Julia

Heute spielt Julia mit dem Gedanken, sich umschulen zu lassen und aufs Land zu ziehen. Ganz egal, was ihre Mitmenschen davon halten. "Ich treffe immer mehr Entscheidungen für mich allein und so, wie ich sie für richtig empfinde."

Was mir gut tut

Maren Schlenker beschäftigt sich beruflich mit der Selbstliebe. Maren ist Coach für toxische Beziehungen und erklärt, warum es wichtig ist, sich hin und wieder auch selbst zu genügen. Auch sie hat eine Beziehung hinter sich, in der die Selbstliebe zu kurz kam. Daraus zog sie sie Konsequenzen.

"Ich muss aufpassen, dass ich mein Glück nicht zu sehr vom Außen abhängig mache."
Maren Schlenker, Coach für toxische Beziehungen

Aber wie erkennen wir nun, ob wir uns noch nicht genug lieben? Wenn die eigene Laune von der Reaktion anderer Menschen abhängig ist, sei das ein Anzeichen, so Maren. Laut Maren sollten wir herausfinden, wo unsere Bedürfnisse liegen. Gleichzeitig müssen wir unsere Grenzen setzen. Sich selbst Blumen zu kaufen, sich in eine warme Decke einwickeln oder ein gutes Telefonat zu führen, kann laut Maren schon ein erster Schritt in die richtige Richtung sein.

Immer dann, wenn sich Maren selbst in einer schwierigen Situation wiederfindet, fragt sie sich, was sie jetzt aus freien Stücken und Selbstliebe tun würde. "Dann wird schnell klar, was ich tun sollte oder muss", sagt sie. Gleichzeitig wüsste Maren dadurch im Umkehrschluss, welcher Weg ihr tatsächlich einfach nur guttun würde.