Anbieter von Apps oder Sozialen Netzwerken tun alles, damit wie uns möglichst lange mit ihnen beschäftigen. Und greifen dabei zu perfiden Tricks.

Die meisten Techunternehmen, Social Networks oder Apps haben vor allem ein Ziel: Uns dazu bringen, dass wir möglichst viel Zeit mit ihrem Angebot verbringen. Denn unsere Zeit, unsere Aufmerksamkeit, unsere Klicks sind für Facebook, Linked In & Co bares Geld wert. Damit wir also möglichst viel Zeit im digitalen Nirvana verdaddeln, sind Legionen von Interface-Designern damit beschäftigt, die Benutzeroberflächen von Apps oder Portalen so zu gestalten, dass sie uns süchtig machen. Welche Tricks und Kniffe dabei angewendet werden, hat der Computerwissenschaftler Tristan Harris jetzt in einem Blogpost auf Medium aufgeschrieben.

Harris ist Stanfordabsolvent, Computerwissenschaftler und war bis 2016 Product Philosopher bei Google. Das heißt: Er dachte beruflich darüber nach, wie Technologie die Aufmerksamkeit, das Wohlbefinden und das Verhalten von Milliarden Nutzern beeinflusst. Etwa darüber, wo Technologie die Schwächen unseres Gehirns und unserer Psyche ausnutzt. Und Tristan Harris sagt, die Tricks, die von Interface-Designern angewendet werden, um uns möglichst lange in einer App, in einem Social Network zu halten, lassen sich mit Zaubertricks vergleichen. Wer wisse, welche psychologischen Knöpfe er bei Usern drücken müsse, könne sie wie ein Klavier spielen.

Auf der Psyche der User wie auf einem Klavier spielen

Harris listet in seinem Post zum Beispiel den Slotmachine-Trick auf. Apps arbeiten demnach mit ähnlichen Mitteln wie Slotmachines, also Geldspielautomaten. Der Grund, warum Spielautomaten so süchtig machen, hat mit einem Mechanismus unser Psyche zu tun, den man in der Psychologie intermittent variable rewards nennt - also unterbrochene, variable Belohnung. Wir drücken einen Knopf und erhalten eine Belohnung. Das Suchtpotenzial ist dabei am höchsten, wenn die Belohnung variiert, also mal größer oder mal kleiner ausfällt. Funktioniert super bei Spielautomaten - und bei Handys. Wenn wir es aus unserer Tasche ziehen, ist das wie beim Daddeln, nur dass wir schauen, wie viele Nachrichten wir haben, wie viele Mails und wie viele Likes ein Foto bekommen hat. Und das führt dazu, dass wir 150-mal am Tag wie die Junkies unser Handy zücken.

Harris schreibt, weder Apple noch Google hätten das geplant, es sei eher zufällig passiert. Trotzdem stellt er fest: Es liegt in der Verantwortung der großen Techunternehmen, diesen Schaden wieder rückgängig zu machen. Also Technologie so zu gestalten, dass sie uns nicht zur abhängigen Zombies macht.

Ein bewusst eingebauter Trick der Techunternehmen ist die soziale Bestätigung. Darauf ist der komplette Erfolg von Facebook aufgebaut. Wir alle sind verwundbar, weil wir wollen, dass uns jemand sagt, dass er uns mag. Das heißt: Wenn uns ein Freund in einem Foto taggt, denken wir, er habe eine bewusste Wahl getroffen. Und vergessen dabei, was für ein Spiel Facebook im Hintergrund spielt. Denn Facebook, Instagram oder SnapChat manipulieren, wie oft jemand getaggt wird - einfach dadurch, dass sie dem Nutzer mithilfe der Bilderkennung vorschlagen, bestimmt Nutzer zu taggen. Und damit kontrolliere Facebook, wie Millionen von Menschen online ihre soziale Bestätigung erfahren.

Perfide ist auch der Trick der Instant Interruption, also der sofortigen Unterbrechung. Die Unternehmen wissen, dass Nachrichten, die User spontan bei ihrer Tätigkeit unterbrechen, mehr Aufmerksamkeit bekommen, als Nachrichten, die sich in einer Inbox ansammeln. Das gibt der Nachricht etwas Dringendes. Daher also all die Chatboxen und Pop-up-Nachrichten bei Snapchat, Whatsapp oder Instagram, die uns sagen, dass einer unserer Kontakte gerade online ist und ein bestimmtes Foto geliked hat.

"Harris schreibt, die menschliche Zeit sei viel zu wertvoll, um sie zu verdaddeln."
Netzautorin Martina Schulte

Unterbrechung, schreibt Harris, ist gut fürs Geschäft. Facebook teilt deswegen dem Absender einer Nachricht auch sofort mit, wann der Empfänger die Nachricht gelesen hat. Das Problem sei nur, sagt Harris, dass die Maximierung solcher Unterbrechungen durch die Techunternehmen einer Tragödie für die Allgemeinheit gleichkomme. Weil Techunternemen im Namen des Geschäfts die globale Aufmerksamkeitsspanne von Milliarden Menschen überall auf der Welt ruinieren. Das sei ein Problem, dass dringend gelöst werden müsse. Es müssten Designstandards für Apps und Interfaces geschaffen werden, die das verhindern, die uns einen freien Kopf schaffen. Die menschliche Zeit sei zu wertvoll, um sie derart zu vergeuden.

Harris schreibt, wir müssten unsere digitale Zeit genauso schützen, wie wir uns um unsere digitale Privatsphäre oder andere digitale Rechte kümmern. Dafür hat Harris die Inititative Time Well Spent - also sinnvoll verbrachte Zeit - ins Leben gerufen. Diese Bewegung soll dazu führen, dass ein komplettes Ökosystem neuer Software und Webseiten entsteht, das Menschen hilft, ihre digitale Zeit sinnvoll zu nutzen und nicht immer nur die Bildschirmzeit zu maximieren. Diese Bewegung soll sich, ähnlich wie die Umweltbewegung der 70er, dafür einsetzen, dass sich die Designmaßstäbe in der Techindustrie ändern. Damit wir gestressten Szmobies endlich mal wieder durchatmen können.