Weinen kann gut und wichtig für die mentale Gesundheit sein. Dennoch weinen Männer seltener als Frauen. Erst recht in der Öffentlichkeit. Das hat mit Stereotypen zu tun. Es kann aber auch daran liegen, dass Gefühle überhaupt nicht wahrgenommen werden können.

"Boys don’t cry" sangen The Cure Anfang der 80er-Jahre und landeten mit dem Song – der heute als Klassiker gilt – einen kommerziellen Erfolg. Ob der Erfolg an der kompositorischen Leistung oder der Message des Songs liegt, ist schwer zu sagen.

Dass Männer oder Jungs eigentlich nicht weinen sollten – zumindest nicht öffentlich –, ist eine gesellschaftliche Haltung, die vermutlich bis heute noch in vielen Köpfen präsent ist. Beispielsweise erzählte Prinz Harry in einem Interview, dass er beim Tod seiner Mutter Diana nur einmal geweint habe – auf der Beerdigung.

Ein Forschungsteam der University of Queensland fand in einer 2019 veröffentlichten Studie heraus, dass Männer in der westlichen Welt im Schnitt nur einmal pro Monat weinen, Frauen dagegen dreimal. Die Gründe dafür liegen vermutlich in der Erziehung und Sozialisation. Je nach Erziehung und kulturellem Hintergrund kann Weinen auch als Zeichen von Charakterschwäche oder Instabilität gelten.

Tränen als Kommunikationsmittel

Weinen gilt als Ureigenschaft des Menschen. Es dient als Kommunikationsmittel und kann verschiedene Dinge wie Hilflosigkeit, Schmerz oder Angst signalisieren. Warum es Männern dennoch schwerer als Frauen fällt, ihre Gefühle durch weinen mit anderen zu teilen, erklärt der Psychologe und Psychotherapeut Björn Süfke.

Seit fast 25 Jahren arbeitet Björn Süfke in der Therapie ausschließlich mit Männern. Und dabei spricht er mit ihnen über Gefühle, Probleme, Schwierigkeiten und Ressourcen. Das Hauptproblem sei nicht, dass Männer keine Gefühle zeigen können, so der Psychologe, sondern dass Gefühle oft gar nicht wahrgenommen werden könnten.

"Das Grundproblem ist viel tiefgehender. Nämlich, dass wir Männer oftmals Schwierigkeiten damit haben, Probleme wie Trauer, Scham, Angst, Schuld, Hilflosigkeit überhaupt wahrzunehmen."
Björn Süfke, Psychologe und Psychotherapeut

Gefühle wahrnehmen, um daraus Schlüsse zu ziehen

Björn Süfke zufolge falle es Männern schwer, sich Gefühlen wie Angst einzugestehen. Das sei die Folge von traditionell männlicher Sozialisation, die uns diese Gefühle über Jahrhunderte abgesprochen habe. Männer müssten gegen dieses anerzogene Verhalten steuern, um Emotionen offen zeigen zu können.

Aus Sicht des Psychologen sei nicht der Ausdruck eines Gefühls das Entscheidende. Viel wichtiger sei, dass Männer ein Gefühl wahrnehmen, um daraus Schlüsse ziehen zu können: "Das ist ja der Sinn von Gefühlen. Sie liefern uns Informationen über unser Verhalten, also, wie wir uns verhalten sollten im Leben", so Björn Süfke.

Weinen kann man neu lernen

Der Psychologe Andreas Knauf aus Konstanz berichtet, er erlebe häufig, dass Menschen depressiv werden, wenn sie nicht richtig trauern. "Also ich zahle einen Preis dafür. Durch psychische Schwierigkeiten, die dann einfach auftreten." Von daher ist es sinnvoll, durch weinen auch zu trauern. Das zu lernen sei nicht leicht, sagt der Therapeut aus Konstanz.

Die Menschen, die in seine Praxis kommen und gerne weinen würden, denen es aber nicht gelingt, zeigt der Psychologe Wege: Ein Tipp von Andreas Knauf ist durch den Mund, anstatt durch die Nase zu atmen, weil die Nasenatmung viel kontrollierter als die Mundatmung ist. "Den Unterkiefer zu entspannen - alleine so was löst einen Teil dieser Bremse. Da merkt man richtig, dass was beim Menschen passiert – nur dadurch, dass er das beherzigt", sagt Psychologe Andreas Knuf aus Konstanz.

  • Autor:  Jan Dahlmann, Deutschlandfunk-Nova-Reporter