Der neue Außenminister Sigmar Gabriel hat seinen Antrittsbesuch in Brüssel gecancelt, weil er krank ist. Heute ist das kein großes Thema mehr, wenn sich Politiker verhalten, wie jeder andere Arbeitnehmer auch - doch es gab auch andere Zeiten.

Sigmar Gabriel ist Arbeitnehmer. Angestellt beim Auswärtigen Amt, das er seit ein paar Tagen leitet. Eigentlich sollte er am Dienstag (31. Januar) eine Dienstreise unternehmen. Der Flug war gebucht, es sollte nach Brüssel gehen. Antrittsbesuch beim EU-Kommissionspräsidenten Jean Claude Junker. Der Bundesaußenminister hat sich aber krankgemeldet und alle Termine gecancelt. Das hören wir nicht so oft. Wie ist das, wenn Politiker Schwäche zeigen? Kann die Kanzlerin einfach mal so krankfeiern, ohne dass gleich spekuliert wird, ob sie sich noch lange in ihrem Amt halten kann?

Keine Schwäche zeigen

Früher war klar: Körperliche Schwäche konnte Machtverlust bedeuten. Willy Brandt hat seine Depressionen geheim gehalten, Helmut Schmidt ist ein paar Mal zusammengebrochen und hat sich heimlich einen Herzschrittmacher einsetzen lassen.

Ein weiteres Beispiel stammt vom CDU-Parteitag 1989 in Bremen. Damals gab es einen Putschversuch gegen Helmut Kohl - und der Kanzler hatte starke Unterleibsschmerzen. Trotzdem harrte er den ganzen Tag auf dem Podium aus und ging erst danach ins Krankenhaus. Vorher hielt Kohl noch eine Rede zum Abschluss des Parteitages. So hart kann Politik sein, so hart können Politiker zu sich selbst sein.

"Wäre er früher zum Arzt gegangen, hätte ihm das vielleicht die Kanzlerschaft kosten können."
Johannes Nichelmann, DRadio Wissen

Fast 30 Jahre später hat sich jetzt Sigmar Gabriel krankgemeldet. Es ist aber ziemlich unwahrscheinlich, dass das für ihn zum Problem werden könnte, sagt unser Reporter Johannes Nichelmann. Die politische Kultur habe sich seit Helmut Kohls Zeiten gewandelt. Gerade bei Sigmar Gabriel wurde häufiger über seinen Gesundheitszustand spekuliert. Vor Weihnachten war er im Krankenhaus. Das kam heraus, weil er als Vizekanzler nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt nicht öffentlich aufgetreten ist.

Umfragewerte statt Gesundheitszustand

Darüber gab es ein paar Meldungen, einige Spekulationen - mehr aber auch nicht. Außerdem soll er im vergangenen Jahr eine Gürtelrose gehabt haben - das war Thema in den Boulevardblättern. Als Gründe für Sigmar Gabriels Verzicht auf seine Kanzlerkandidatur dürften eher seine schlechten Umfragewerte als seine Gesundheit infrage kommen, sagt Johannes Nichelmann.

Ein anderes Beispiel ist Malu Dreyer, Ministerpräsidentin in Rheinland-Pfalz, die in einem Buch 2015 offen über ihre Erkrankung Multiples Sklerose geschrieben hat. Und 2014 hatte die Bundeskanzlerin einen Beckenringbruch und ist noch immer Kanzlerin. Warum gesundheitliche Probleme für Helmut Kohl gefährlicher waren als für Angela Merkel? Die Kommunikation hat sich verändert, sagt Johannes. Wenn ein Mandatsträger öffentlich macht, dass er krank ist, dann kann es bei den Wählerinnen und Wählern sehr schlecht ankommen, wenn er deswegen rausgeworfen wird.

"Wenn eine Kanzlerin oder ein Kanzler kaum noch Rückhalt in der eigenen Partei hat und eine schlimme Diagnose erhält, die öffentlich wird, dann könnte es auch heute noch gefährlich werden mit dem Machterhalt."
Johannes Nichelmann, DRadio Wissen

Anders sieht das in den USA aus. Während des Präsidentschaftswahlkampfes gab es wilde Spekulationen um den Gesundheitszustand von Hillary Clinton. Trump lästerte öffentlich, es war ein großes Thema in den Medien. Grundsätzlich gilt: In den USA gibt es eine völlig andere Kultur im Umgang mit den Gebrechen der Mächtigen, erklärt Johannes.

USA: Ärzte geben Auskunft

Es gehört im Wahlkampf dazu, dass die Ärzte der Kandidaten Auskunft über deren Gesundheitszustand geben. Das hat auch mit der Medienlandschaft zu tun. Während in den USA alles auseinander genommen wird, was möglich ist, gibt es in den deutschen Medien weiterhin stillschweigende Vereinbarungen darüber, dass besonders private Momente auch private Momente bleiben.