Um effektive Maßnahmen gegen die Coronavirus-Pandemie und zukünftige Zoonosen ergreifen zu können, müssen wir verstehen, wie sich Sars-CoV-2 ausgebreitet hat. Das soll ein Wissenschaftsteam der WHO untersuchen. Mit dabei ist der Epidemiologe Fabian Leendertz.

Es ist wichtig zu wissen, wie sich das Coronavirus Sars-CoV-2 verbreitet hat, sagt Fabian Leendertz. Er ist Epidemiologe am Robert Koch-Institut (RKI) und wird mit einem Wissenschaftsteam der Weltgesundheitsbehörde (WHO) die Ursprünge des Virus in Wuhan in China untersuchen.

Zwar haben chinesische Behörden die Einreise des Teams wegen fehlender Papiere zweiter WHO-Mitglieder gestoppt, aber vermutlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie mit ihrer Untersuchung beginnen können. Das Team ist international und interdisziplinär: von Virologie über Epidemiologie bis Zoonosenforschung – alles dabei, sagt Fabian Leendertz.

Zoonosen der Zukunft vorbeugen

Wenn klar ist, wie bei einer Zoonose die Übertragung des Virus vom Tier auf den Menschen stattgefunden hat, kann es gelingen, zukünftige Virusübertragungen vorzubeugen. Es könnten so Gefahrenpunkte identifiziert werden und entsprechende Maßnahmen vorgeschlagen werden, so der Epidemiologe.

Dafür kann es hilfreich sein, die ersten Menschen, die sich mit einem entsprechenden Virus infiziert haben, zu untersuchen. Beispielsweise könnte man bei Berufsgruppen wie Jägern, Markthändlern oder Züchtern Aufschlüsse über die Übertragungswege finden.

Patient Null schwer zu finden

Das sei aber nicht bei jedem Virus einfach möglich. Bei dem Ebola-Virus gibt es eindeutige Krankheitsmerkmale, um die ersten Infektionswege zu ermitteln. "So kommt man an den Patient Null", sagt Fabian Leendertz. Bei Sars-CoV-2 sei das aber viel schwieriger, weil die Symptome sehr mild oder gar nicht sichtbar sein können.

"Bei Sars-CoV-2 den ersten Patienten zu finden, wird sehr schwierig sein."
Fabian Leendertz, Epidemiologe am RKI

Deshalb werde auch untersucht, in welcher Tierart das Virus verbreitet ist, ob es möglicherweise einen Zwischenwirt gibt, über den sich Menschen infiziert haben, oder ob es direkt übertragen wurde. Das sei ein weiterer Weg, die Übertragung bei Sars-CoV-2 zu verstehen.

Untersuchungsmission in mehreren Etappen

Diese Untersuchung wird in mehreren Schritten ablaufen, erklärt Fabian Leendertz. Zunächst reisen die Forschenden nach Wuhan. Diese Reise dient dem Austausch mit den Forschenden vor Ort darüber, was bereits untersucht wurde und wo noch Lücken bestehen. Das sei eher eine erste Mission zur Vorbereitung einer zweiten, um dann die Lücken zu schließen und schlüssige Ergebnisse zu erhalten.

Noch seien die konkreten Daten, die den Forschenden vorliegen, sehr dünn, sagt der Epidemiologe. Was bekannt ist, ist dass die nächsten Verwandten von Sars-CoV-2 bei Fledermäusen vorkommen. Deshalb geht Fabian Leendertz davon aus, dass der Vorfahre des Virus, das für die aktuelle Pandemie verantwortlich ist, auch bei den Fledermäusen gefunden wird.

Übertragung bei Sars-CoV-2 noch unerforscht

Wie in diesem Fall das Virus vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist, das sei noch sehr unklar. Möglicherweise ist es auf Tiere, die in einer Farm gehalten wurden, sogenannte Zwischenwirte, übergesprungen, und von dort auf den Menschen übertragen worden.

"Die Rolle des Tiermarkts in Wuhan ist auch nicht wirklich geklärt", sagt Fabian Leendertz. Es könnte sein, dass sich ein Mensch dort bei einem lebenden oder toten Tier infiziert hat. Es könnte aber auch sein, dass es sich bei dem Markt um das erste Superspreading-Event handelte, also die Übertragung vom Tier auf den Menschen nicht dort stattgefunden hat, sondern sich dort einfach nur sehr viele Menschen infiziert haben.

"Wir sind absolut offen dafür, dass uns die Spur auch nach außerhalb von China führt."
Fabian Leendertz, Epidemiologe am RKI

Der Forscher sagt, dass das Team die Untersuchung ganz offen angehe. Zunächst werden die konkreten Hinweise in Wuhan untersucht. Wenn diese ergeben, dass der Ursprung in China liege, könnte das ein Ergebnis sein. Es könnte aber auch passieren, dass Spuren auf einen anderen Ursprung außerhalb Chinas hindeuten.

"Es geht nicht darum, einen Schuldigen zu finden."
Fabian Leendertz, Epidemiologe am RKI

Sollte am Ende herauskommen, dass das Virus seinen Ursprung in China oder einem anderen Land hat, dann würde das nicht bedeuten, dieses Land trage die Schuld für den Ausbruch der Pandemie. Es gehe vor allem darum zu verstehen, wie die Übertragung einer Zoonose erfolgt, um die Wahrscheinlichkeit in der Zukunft zu senken, dass so etwas wieder passiert. Zum Beispiel könnten wir daraus lernen, potentiell gefährliche Verhaltensweisen zu ändern.

Bis wann die Forschenden Ergebnisse liefern können, hängt allerdings davon ab, welche Daten und Hinweisen sie vorfinden und welche Schlüsse sie daraus ziehen könnten, so der Epidemiologe.