Die Gruppierung "Widerstand 2020" war auf einmal da: Mit angeblich 100.000 Mitgliedern sollte sie quasi über Nacht die viertgrößte Partei Deutschlands sein. Willkommen waren alle, die die geltenden Anti-Corona-Maßnahmen ablehnen. Doch die Mitgliederzahlen wurden wohl nie überprüft. Nach Streit unter den Gründungsmitgliedern hat sich "Widerstand 2020" anscheinend aufgelöst, so Isabel Reifenrath aus dem ARD-Hauptstadtstudio.

"Widerstand 2020" galt Beobachtern, wie dem Soziologen Matthias Quent als diffuses Sammelbecken aus Verschwörungstheoretikern, Rechtspopulisten, linksesoterischen Impfgegnern, aber auch verunsicherten Bürgern - was gefährlich sei. Doch nun scheint sich die Gruppierung "Widerstand 2020" aufgelöst zu haben beziehungsweise an einem Neustart zu basteln. Für die Auflösung gibt es verschiedene Gründe: Unter anderem soll es zwei widersprüchliche Strömungen gegeben haben.

Sorge vor Unterwanderung

Der Leipziger Rechtsanwalt Ralf Ludwig wollte auf Schwarmintelligenz setzen, so Isabel Reifenrath aus dem ARD-Hauptstadtstudio, die zum Thema recherchiert hat. "Jeder sollte Mitglied werden können", sagt die Journalistin. Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Bodo Schiffmann hingegen wollte anscheinend stärker überprüfen, wer sich als Mitglied anmeldet. Beide gehörten zum Gründungsteam von "Widerstand 2020" zusammen mit Victoria Hamm.

Ob die Gruppierung jemals über 100.000 Mitglieder hatte, das war von Anfang an umstritten. Parteienforscher und -forscherinnen waren skeptisch, dass tatsächlich derart schnell solch eine mitgliederstarke Partei entstehen könnte. Die Skepsis war wohl berechtigt. Mitglied bei "Widerstand 2020" konnte tatsächlich jeder werden: Die Partei AfD hatte zum Spaß einen Hahn angemeldet, so Isabel Reifenrath

"Die Partei AfD hatte zum Spaß einen Hahn bei 'Widerstand 2020' angemeldet."
Isabel Reifenrath, ARD-Hauptstadtstudio

Unter die Mitglieder von "Widerstand 2020" sollen sich auch Reichsbürger und -bürgerinnen gemischt haben. Ebenso Angehörige der rechtsextremen Identitären Bewegung.

Viele Rechte haben "Widerstand 2020" inhaltlich unterstützt und mitgetragen. "Sie haben eine große Chance darin gesehen, sich darin zu sammeln und eine große Bewegung zu werden", sagt Isabel Reifenrath. Doch wie man mit diesen rechten Strömungen innerhalb von "Widerstand 2020" umgehen wollte, auch das war anscheinend umstritten.

"Darüber hat man sich anscheinend zerstritten, wie man damit umgeht, dass sich zum Beispiel Reichsbürger untergemischt haben."
Isabel Reifenrath, ARD-Hauptstadtstudio

Fehler bei der Anmeldung von Mitgliedern sollen erst aufgetreten sein, nachdem Victoria Hamm "Widerstand 2020" verlassen hat: Das zumindest behauptet Ralf Ludwig auf der neuen Webseite von "Widerstand 2020". Doch es habe schon zuvor Kritik am Anmeldeprozess gegeben, so Isabel Reifenrath.

Mitgliederzahlen wurden nie überprüft

Victoria Hamm schrieb dem ARD-Hauptstadtstudio, dass die Zahl von über 100.000 Mitgliedern nie überprüft wurde.

Der Streit im Gründungsteam bedeutet aber nicht das Ende von "Widerstand 2020". Die drei Gründungsmitglieder wollen weitermachen – mit unterschiedlichen Ansätzen:

  • Der Arzt Bodo Schiffmann hat die Partei "Wir 2020" gegründet. Inhaltlich gehe es wie bei "Widerstand 2020" darum, die Anti-Corona-Maßnahmen zu beenden, so Isabel Reifenrath. Bodo Schiffmann lehnt zum Beispiel die Maskenpflicht ab. Die neue Partei soll an den Bundestagswahlen teilnehmen.
  • Der Rechtsanwalt Ralf Ludwig hat "Widerstand 2020" quasi behalten, aber will die Gruppierung neu gründen. Das sollte Ende Juni passieren. Auf der Webseite sei aber nicht nachzuvollziehen, was genau geschehen sei, so Isabel Reifenrath.
  • Victoria Hamm will sich nicht mehr aktiv in einer Partei engagieren. Aber sie habe weitere Pläne, schrieb sie dem ARD-Hauptstadtstudio. "Sie verkauft jetzt im Internet T-Shirts und Hoodies für die 'Freiheit gegen Corona'", sagt Isabel Reifenrath.