Kauft die Türkei im großen Stil Öl vom IS? Der russische Präsident Wladimir Putin hat das behauptet. Doch es gibt einiges, das gegen diese steile These spricht.

Der russische Präsident Putin hat der Türkei Zusammenarbeit mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vorgeworfen - und damit die Krise mit Ankara weiter verschärft. Mit dem Abschuss des russischen Kampfjets vor einer Woche habe die Türkei den Ölhandel des IS sichern wollen, sagte Putin am Rande der Klimakonferenz in Paris. Der türkische Staatspräsident Erdogan ist empört und weist den Vorwurf weit von sich. Also ist es an der Zeit, sich das Geschäft des IS mit Öl einmal genauer anzuschauen.

"Der Großteil des Öls, das auf dem Gebiet des Islamischen Staates produziert wird, wird auch auf dem Gebiet des Islamischen Staates und angrenzenden syrischen Gebieten konsumiert."
Eckart Woertz, Senior Research Fellow beim Barcelona Centre for International Affairs

Stimmt es, dass die Türkei Öl vom IS kauft? "Nein und ja", sagt Eckart Woertz, Senior Research Fellow beim Barcelona Centre for International Affairs. Der Großteil des Öls, das auf dem Gebiet des Islamischen Staates gefördert wird, werde auch dort wieder verbraucht. Einen Teil schmuggelten die Terroristen aber auch in angrenzende Länder - in die Türkei, die kurdischen Gebiete oder den Irak.

Das habe aber schon wieder abgenommen, erklärt Eckart Woertz. Der Grund: Die Produktion des IS habe gelitten. Weil das Personal und die Technologie zur Förderung fehlten und Ölfelder bombardiert wurden. Die Folge: Der IS könne nur noch 30.000 bis 40.000 Barrel fördern. Zum Vergleich: Saudi Arabien kommt auf 10 Millionen. Grundsätzlich gilt: Es gibt sehr viele unterschiedliche Schätzungen, wie viel Geld die Terroristen mit Öl verdienen.

Viele Abnehmer für das IS-Öl

Klar ist aber auch: Im angrenzenden Gebiet gibt es einige Abnehmer für das IS-Öl. Sei es das Assad-Regime oder Rebellen, die gegen ihn kämpfen. Und der IS sei auf Importgüter angewiesen. So tauschten die Terroristen in Aleppo Diesel gegen Nahrungsmittel. Natürlich gebe es auch Schmugglernetzwerke, die bis in die Türkei reichten. Eckart Woertz ist aber nicht bekannt, dass die bis in höchste Kreise reichten. Grundsätzlich gelte: Wegen des sinkenden Ölpreises sei der Ölschmuggel längst nicht mehr so lukrativ wie zu den Zeiten, als der IS an die Macht kam.

Auch deshalb kann sich Eckart Woertz kaum vorstellen, dass die Türkei russische Bomber abschießen würde, um ihren Ölhandel mit dem IS zu sichern.