Ahmed und seine Frau Siyam leben in Paris. Sie sind Muslime mit marokkanischen Wurzeln. Und sie leben ihre Religion. Das stellt sie allerdings immer wieder vor Probleme. Auch schon bevor es den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo gab.

Mit Anfang Zwanzig war Ahmed ein echter Frauenschwarm. Sportlich, sympathisch und attraktiv. Und er war ein super Interviewpartner, fand DRadio Wissen Autorin Stephanie Doetzer, die vor zehn Jahren für ihr Studium über junge Muslime in Paris geschrieben hat.

Als sie im Januar 2015 bei der Marche républicaine durch Paris geht, muss sie an Ahmed denken - und die vielen anderen Muslime, die sie damals interviewt hat. Was wohl aus ihnen geworden ist? Wie sieht ihr Leben heute aus? Sie macht sich auf die Suche - und findet zuerst Ahmed.

"Ahmed ist religiöser geworden, das war auf den ersten Blick klar. Genauso sympathisch wie früher, aber wir sind seltener einer Meinung."
Stephanie Doetzer über ihren Interviewpartner Ahmed

"Ich bin nicht Charlie"

Als sie sich treffen, verzichtet Ahmed auf die typisch französische Begrüßung. Küsschen rechts, Küsschen links - das ist vorbei. Nach Ahmeds Weltanschauung gehört sich das nicht mehr. Trotzdem haben beide gleich einen guten Draht zueinander. Schnell kommen sie auf das Thema Charlie Hebdo:

"Ich bin nicht Charlie, ich kann mit dem Slogan nichts anfangen... aber in der Arbeit würde ich das nicht sagen. Das wäre ein Schock für die anderen, wenn ich sage, ich bin nicht Charlie!"
Ahmed sagt lieber nicht überall, was er wirklich denkt

Ahmed will nicht Charlie sein. Er ist Ahmed. Und von der viel gelobten französischen Liberté spürt er wenig - zumindest wenn es um Religion geht fühlt er sich alles andere als frei. Denn in Frankreich ist Religion absolute Privatsache. Im Leben da draußen hat sie nichts zu suchen. Für Ahmed bedeutet das Versteck spielen zu müssen, wenn er seine Religion so ausleben will, wie er sich das wünscht und vorstellt:

"Am meisten stresst mich die Situation mit dem Gebet. Ich will es zu den genauen Gebetszeiten machen, also auch in der Arbeit, aber da geht es nur heimlich. Ich mache die Bürotür zu, aber wenn mich jemand erwischen würde, dann wäre das ein Kündigungsgrund."
In Sachen Religion fühlt sich Ahmed in Frankreich nicht frei

Auswandern für den Glauben?

Der Begriff Freiheit - so scheint es - bezieht sich für Ahmed inzwischen vor allem auf seine Religion. Dort fühlt er sich in seiner Freiheit beschnitten. Und er macht sich Sorgen um die Zukunft. Seine Angst kommt nicht von ungefähr. Denn die Angriffe auf muslimische Einrichtungen nehmen zu. Auch die Grande Mosquée de Paris, in der er sich mit Stephanie trifft, ist bewacht von bis an die Zähne bewaffneten Polizisten.

Zum ersten Mal spielt Ahmed mit dem Gedanken auszuwandern, vielleicht nach Marokko zu gehen. Auch wenn das bedeuten würde, seinen gut bezahlten Job aufzugeben. Aber was wird dann wohl aus seiner Freiheit? Könnte er wirklich die Freiheit seiner Religionsausübung für die Freiheiten eintauschen, die er als französischer Bürger genießt?