Die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen liegt ein Jahr zurück. Für viele Betroffene hat das Ereignis, bei dem mehr als 180 Menschen gestorben sind, alles verändert. Aber nicht alle können dem Jahrestag viel abgewinnen. So wie Winzer Lukas Sermann.

Winzer Lukas Sermann aus Rheinland-Pfalz sagt ein Jahr nach der Flutkatastrophe: Für ihn wäre der Jahrestag der Katastrophe vermutlich ein gewöhnlicher Arbeitstag – doch das Ereignis sei vielen noch sehr präsent und durch die Berichterstattung in aller Munde. Dadurch werde der Tag künstlich hochstilisiert.

2021 waren nach einem Unwetter drei Tage lang unvorstellbare Wassermassen durch Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz geflossen. Mindestens 180 Menschen kamen dabei ums Leben. Für viele Bewohner*innen der Gebiete hat sich das Leben seither verändert, Tausende verloren ihr Zuhause.

Aufgeben kommt nicht infrage

Für Winzer Lukas Sermann kam Aufgeben nie infrage, auch wenn dem Anfangdreißigjährigen bewusst ist, dass die Aufräumarbeiten länger dauern werden. "Die Motivation war immer da, weil auch immer Leute geholfen haben", hat er uns schon vor einiger Zeit erzählt.

Sein Weingut ist älter als 300 Jahre und liegt unmittelbar an der Ahr. Es konnte nicht vollständig gerettet werden. Inzwischen ist das Weingut seiner Familie aber weitestgehend wiederaufgebaut, er schaut nach vorn.

Lukas Sermann beschreibt, dass ein Jahr nach der Katastrophe eine "Wolke der Emotionen" über dem ganzen Tal liegt. Die schlimmste Erfahrung ist für ihn im Nachhinein nichts Materielles. Durch die Auswirkungen der Katastrophe sei ihm bewusst geworden, dass die Menschen in den betroffenen Regionen ein Spielball der Politik seien.

"Wir sind ein Spielball der Politik und im Prinzip gut für Wählerstimmen. So richtig will sich hier niemand darum kümmern."
Lukas Sermann, Winzer aus Rheinland-Pfalz

Stellvertretend für andere Katastrophen in Deutschland sei es traurig zu sehen, dass viele Sachen zu langsam laufen. Dass Vertreter*innen aus der Politik zum Jahrestag vorbeischauen, findet der Winzer nicht nur gut, denn "es ist seitens der Politik natürlich auch eine PR-Aktion."

Durch den Besuch der Politik soll ein Bild in den Medien entstehen

So hat Lukas Serman beobachtet: Bauarbeiten, bei denen lange nichts voranging, würden nun schnell fertiggestellt. Wegen der medialen Berichterstattung – auch durch den Besuch von Politikerinnen und Politiker – werde ein falsches Bild der Region gezeigt. "Das Bild soll zeigen, dass hier alles vorangeht", sagt er.

Lukas Sermann kritisiert, dass Politiker*innen vor einem Jahr nicht auf Warnungen reagiert hätten, die auch von den Menschen aus der Region gekommen seien. Auch er habe über Facebook Bilder gesendet, die zeigten, dass er bis zu seinen Knien im Wasser steckte. Lukas Sermann räumt aber auch ein, dass er zum Zeitpunkt des ansteigenden Wassers davon ausging, dass sich die Situation bis 9 Uhr legen würde.

Seine Einschätzung: Niemand habe die Verantwortung übernehmen wollen und im schlimmsten Fall viel Geld für nichts ausgeben wollen. Lukas Sermann beschreibt, dass sich die Leute daher vielfach selbst hätten helfen müssen, weil es sonst niemand getan hätte.

"Dadurch, dass wir ein sehr gutes vegetatives Wachstum haben, explodiert es im Weinberg, denn es gibt gerade viel Sonne und auch immer wieder Regen. Im Keller füllen wir den aktuellen Jahrgang ab. Wir sind im Ausverkauf."
Lukas Sermann, Winzer aus Rheinland-Pfalz

Im Augenblick läuft die Weinernte gut. Dank viel Sonne und ab und zu auch ausreichend Regen. Viel Zeit nehme aber immer noch der Wiederaufbau in Anspruch. Kurz: Es kommt gerade einiges zusammen. Dennoch blickt Lukas Sermann am Jahrestag der Katastrophe optimistisch in die Zukunft.